aus den unteren Klassen in die oberen die gerade bezüglich der Mathematik so nachdrücklich anempfohlene gewissenhafte Strenge angewandt wird.
Mit derartigen mehr inneren Schwierigkeiten in enger Verknüpfung stehen die Miſstände, welche aus einer hohen Schülerzahl hervorgehen. Mit Recht erklärte die wissenschaftliche De- putation für das Medizinalwesen(s. Wiese, Verordnungen etc. pag. 310) im Schlufzergebnis ihres Gutachtens über die einzelnen ursächlichen Momente einer Überbürdung, es komme auf eine verständige Individualisierung in der Behandlung der Schüler und zu diesem Zwecke vor allem darauf an, daßs die Zahl der von dem Lehrer zu unterrichtenden Schüler einer Klasse nicht zu groß sei. Daß dieser Ausspruch seine besondere Berechtigung hat in der Mathematik, wo es so wesentlich ist, stete Rücksicht auf das Verständnis der Schwächeren zu nehmen und gleichzeitig dafür zu sorgen, daß das Interesse der Besseren nicht erlahmt, ist einleuchtend. Die Frage, wie diesem Mißstand überall abzuhelfen sei, ist nicht sowohl pädagogischer Art als vielmehr eine Geldfrage.
Eine Geldfrage auch ist es, wenn es sich darum handelt, an allen Gymnasien die für einen gedeihlichen physikalisch-chemischen Dnterricht notwendigen Lokalitäten und Apparate zu beschaffen. Kußere Schwierigkeiten entstehen ferner, wenn Apparate und Lokalitäten vorhanden sind, durch die Einschaltung der physikalischen Stunden in den Stundenplan, da bei manchen Experimenten zeitraubende Vorbereitungen sich nicht wohl vermeiden lassen und folglich die unmittelbar vor Physikstunden fallende Zeit dem Lehrer zu diesen Vorbereitungen möglichst reserviert werden sollte.
Die oft ventilierte Frage, welche Lehrmethoden am geeignetsten seien für den mathe- matisch-physikalischen Unterricht am Gymnasium, könnte man sich versucht fühlen mit dem Voltaireschen Ausspruch zu erledigen:»Tous les genres sont bons, hors le genre ennuyeux.« Hauptsache ist und bleibt es, durch Heranziehung geeigneter Beispiele, Veranschaulichungen und Anwendungen auch auf den abstrakter scheinenden Gebieten das stete Interesse auch der schwächeren Schüler wachzuhalten und den Unterricht durch regen Wechselverkehr mit den Schülern zu beleben.
Bei schwierigeren Problemen empfiehlt es sich, vor der Durchnahme des allgemeinen Falls an leichter zu erörternden Specialfällen den Schülern einen vorläufigen Einblick zu ver- schaffen und gemäß dem Spruche:»divide et impera« längere Entwicklungen kunstgerecht in kleinere Abschnitte zu zerlegen. Lebt doch der Mensch»nicht von dem, was er ißt, sondern von dem, was er verdaut.« Das gilt auch von geistiger Nahrung.(Sehr empfehlenswerte Rat- schläge erteilen in dieser Hinsicht die amtlichen»Instruktionen für den Unterricht an den Gym- nasien in ésterreich, eingeführt durch Ministerialverordnung vom 26. Mai 1884¼; dieselben sind eine genauere Ausführung der zum Organisations-Entwurf vom Jahr 1849(verfatzt von Bonitz und Exner) gleichzeitig erschienenen Instruktionen und umfassen in den auf Mathematik und Physik bezüglichen Teilen etwa 130 Seiten.)
Die Schwierigkeiten, welche sich bei der sogenannten sokratischen Lehrmethode im Klassenunterricht ergeben, wenn dieselbe ausschließlich angewandt wird, hat 1845 Professor Weierstrass, als er noch Lehrer am Progymnasium zu Deutsch-Krone war, in einem Programm »über die sokratische Lehrmethode und deren Anwendbarkeit beim Schulunterricht« sehr an- schaulich geschildert. Die Forderung dieses ausgezeichneten Mathematikers, daß der Lehrer die Wissenschaft vor den Augen des Schülers entstehen lassen soll, verdient
von allen Fachgenossen wohl beherzigt zu werden. Gymunaslum 1887. 2


