Aufsatz 
Die gegenwärtige Bedeutung des mathematisch-physikalischen Unterrichts an Gymnasien.
(Entsprechend der Zirkularverfügung vom 31. März 1882.)
Entstehung
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wenn man einen selbstthätigen Registrierapparat zur Verfügung hat, wie dies z. B. am Frankfurter Gymnasium der Fall ist. Repräsentiert die Mathematik die Grammatik, so lassen sich die Konstanten, deren Erlernen Du Bois-Reymond mit Recht nachdrück-

lichst empfiehlt, als Vokabeln der Natur bezeichnen. Auch dürfte wohl heutzutage

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jeder Lehrer der Physik die wichtigsten dieser Vokabeln(z. B. specifisches Gewicht des Quecksilbers, Höhe des normalen Barometerstandes, die charakteristischen Zahlen der verschiedenen Thermometerskalen, das mechanische Xquivalent der Wärme, die Geschwindigkeit von Schall und Licht etc.) als Memorierstoff betrachten.

Diesen Zahlen lassen sich leicht die erst in neuerer Zeit zu allgemeiner Bedeutung gelangten Beziehungen der Elektricitätslehre hinzufügen, z. B., daß ein Ampoère einer Stromstärke entspricht, bei welcher in der Minute 10,5 cem Knallgas entwickelt werden, und daß etwa 736 Volt-Amperes äquivalent einer Pferdekraft sind. Immer- hin ist es besser, im Memorierenlassen etwas zu wenig als zu viel zu thun, doch belebt es den Unterricht, wenn der Lehrer selbst über eine größere Zahl Konstanten verfügt, um leicht solche Ubungsaufgaben improvisieren zu können, die sich den that- sächlichen Verhältnissen anschließen.

Obligatorische Einführung der Grundbegriffe der Chemie in den Lehrkursus der Se- kunda. Hiermit ist einem längst gefühlten Bedürfnis in zweckmäßiger Weise abge- holfen. Denn ganz besonders von den Grundgesetzen der Chemie gelten die Worte des englischen Gelehrten Thomas Arnold, Rektor zu Rugby, der gleich ausgezeichnet als Theologe, Philologe und Schulmann mit Recht als Reformator des klassischen Schulwesens in England betrachtet wird:»Es ist so schwer, irgend etwas im späteren Leben von vorn anzufangen, und verhältnismäßig so leicht, das Begonnene fortzu- setzen, daß ich meine, wir seien verpflichtet, unseren Schülern in manche Mine des Wissens die Bahn zu öffnen, damit die ersten Hindernisse von ihnen überwunden werden, so lange noch eine Macht von außen ihrem eigenen schwankenden Willen zu Hilfe kommen kann, and damit sie so in den Stand gesetzt werden, das Studium später, wenn sie wollen, fortzusetzen.«

Wenn auch auf dem Gymnasium nur wenig in Chemie, experimentell und theore- tisch, durchgenommen werden kann, so ist doch durch die Verlegung nach der Sekunda die Möglichkeit gegeben, ab und zu auch in den höheren Klassen eine Stunde auf Befestigung dieser Elemente zu verwenden.

Wie nötig gerade in der Chemie die Wiederholung ist, betont schon Lavoisier, wenn er in der Vorrede seines berühmten Traité élémentaire de chimie(1789) sagt: il est reconnu, qu'on n'apprend que peu de choses dans un premier cours de chimie; qu'une année suffit à peine pour familiariser l'oreille avec le langage etc.

Zwar ist seit der Zeit, wo diese Worte geschrieben wurden, die Auffassung der chemischen Erscheinungen eine weit leichter verständliche geworden, nicht zum min- desten durch die von Lavoisier und seinen Nachfolgern eingeführte neue Terminologie und noch in neuerer Zeit durch die Einführung fruchtbarer das Gedächtnis wesent- lich entlastender Anschauungen in den Schulunterricht.(Dabin gehört z. B. das schon 1811 aufgestellte Gesetz des Avogadro sowie der Begriff der von Kekulé be-