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Wir haben noch das Wesen des Odysseus, als des Dritten, der in diesem Stücke handelt, zu betrachten. Leicht pflegt sich bei listigem schlauem Thun ein Gefühl des Unedlen einzuschleichen*), aber die Homerische Dichtung wusste den Odysseus so zu bilden, dass dieses nicht aufkommt, und ihr folgte Sophokles im Ajas sowohl als im Philoktetes. Wir schen ihn streng gerichtet auf das was zu thun ist, und dem Ziele zustrebend, ohne dass Rücksichten ihn irren oder sein Gefühl ihm hinderlich wird. Freilich erscheint das Mitleid, welches Neoptolemus dem Philoktetes beweisst, dem Gefühl wohlthuender, als das Verfolgen des Zweckes bei Odysseus, dennoch aber steht dieser als ein vorzüglicher Mann da. Seiner Klugheit ist das schwere Werk aufgetra- gen, den beleidigten Held zu überlisten und zum Heere zu schaffen, und bereitwillig hat er diese Aufgabe übernommen, und wie er stets unverdrossen wirkt und sich rast- los bemüht, wo es gilt das grosse Unternehmen des Vaterlandes zu fördern, so sehen wir ihn auch hier wachsam alle Maassnahmen ergreifen, welche die Sache zulässt. Sich in vergebliche Gefahr stürzen treibt den Klugen kein ungestümer Muth, da ihn nicht der eigene Ruhm in seinem Thun lenkt, sondern er nur das Ziel, welches erreicht werden muss, erstrebt. Als es dazu kommt, dass er dem Philoktetes gegenüber steht, so bricht dessen bitterer Hass gegen ihn los, und in solchen Verwünschungen, dass er zum Zorne gereizt werden konnte, aber keine Regung eines gekränkten Gefühles macht sich bemerklich, denn nicht an sich denkt er, sondern wie er das Werk, von dessen Gelingen die Ueberwindung Troja's abhängt, erreichen möge. Ebenso als Neop-
wie jeder andere Mensch auch, und dass die Ereignisse nicht spurlos an ihm vorübergehen, ist gewiss, aber von da bis zur Bestimmung durch Zeitereignisse oder zu Andeutungen der Gesinnungen in densel- ben ist ein weiter Weg. Nicht eine einzige sichere zur Ueberzeugung führende Stelle ist bis jetzt in die- ser Hinsicht nachgewiesen worden. Anders steht es mit dem alten Lustspiel der Athener, welches sich unmittelbar mit dem wirklichen Leben und Treiben befasste und darauf einzuwirken suchte. Da sehen wir Aristophanes mit allen Mitteln des Witzes und einer reichen Fülle von Einbildungskraft den ver- derblichen Richtungen in Athen mit dem Ernste einer tüchtigen Seele und einem edlen Feuer für das Gute und Rechte kräftig entgegentreten.
*) Nimmt man die Worte, welche Sophokles den Odysseus aussprechen lässt, Vers 111:„ wWenn qu etwas zu Gewinn thust, ziemt es nicht zu zaudern“ ausser dem Zusammenhange, so könnte man glauben, Odysseus hege den schlechten Grundsatz, man dürfe alles auch das Schlechteste thun, sobald es einen Nutzen bringe, Da nun aber Odysseus einen solchen Grundsatz weder bei Homer noch bei Sophokles befolgt, so sind wir nicht berechtigt ihm aus diesen Worten eine solche Denkart anzu- dichten, und müssen sie in einem milderen eingeschränkteren Sinne nehmen. Sagt doch auch der Jüng- ling Orestes in der Elektra, welcher nicht als ein Bild der Schlauheit oder der Lebenserfahrung aufge- stellt ist,„ich halte kein Wort, wenn Gewinn dabei ist, für schlecht,“ und meint es nur in seinem Sinne, nicht in dem weitesten und allgemeinsten.


