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Einem so edlen Jünglinge gegenüber, welcher für das Gelingen einer grossen Unternehmung seines Volkes sich dem Widrigen fügt und so ein schönes Bild der vol- len Ergebenheit gegen das gemeinsame Vaterland darstellt, würde Philoktetes mit sei- nem unbeugsamen Zorne, welcher nur an der ihm angethanen Beleidigung nagt und aus ihr fort und fort noch nach einer langen Reihe von Jahren die giftige Nahrung des Hasses saugt, alles Vergessens und Verzeihens unfähig, abstossend und unedel da- stehen, wäre dieses starre und bittere Wesen nicht gehörig in seinen Beweggründen entwickelt. Dieses jedoch hat der Dichter mit den geeignetsten und stärksten Mitteln bewerkstelligt, welche ein Bild des unglücklichen Mannes geben, dem statt Abneigung Mitleid zu Theil wird. Nicht nur wie er in traurigster und hülflosester Verlassenheit, ärmlich mit seinem quälenden Schmerz in einer öden Grotte hausst und sich mühsam hinausschleppt, dürftige Nahrung mit Bogen und Pfeil zu erhaschen, von nichts gelabt als dem Wasser eines Quells, wird eindringlich dargestellt, sondern seine OQualen, die nicht lange rasten, ergreifen ihn vor den Augen des Neoptolemus, und brechen, welche Gewalt auch der Held von starker Seele anwendet, sie niederzuhalten, sie diesmal niederzuhalten, weil er von ihrem Ausbruch in diesem Augenblick ein Vernichten ge- fasster Hoffnungen befürchtet, dennoch unaufhaltsam los, zwingen ihm Jammertöne ab und reissen ihn zu Boden, bis der wohlthätige Schlummer den schrecklichgequälten in das Vergessen der Leiden einwiegt.
Sehen wir den unglücklichen Mann dem Elend bis zu dieser Stufe hingegeben, hingegeben so viele Jahre ohne dass er eine Rettung finden konnte, vielmehr jedes- mal getäuscht, wenn Schiffer an Lemnos anlegten und er durch sie einen Hülferuf in die Heimath sandte, so werden wir nicht erwarten, dass er einer ruhigen Erörterung
von dem Mitleid, welches ihm der Unglückliche, den er täuschte, einflösst, so würde bei der Anlage und Ausführung dieses Stücks, für diesen Grund kein Raum gewesen seyn, wo er von Gewicht hätte erscheinen können. Einem so verlassenen Manne gegenüber, welcher so schwer litt und die tiefste Erbitterung gegen die hegte, welche er als die Urheber seiner Lage ansah, war der Grund, dass diese ihn entfernt hätten, um bei den Opfern nicht gestört zu werden, viel zu schwach, da er ja die gänzliche Verlassung und die völlige Unbesorgtheit um seine Lage nicht zugleich entschuldigen konnte. Hätte auch letzteres in einem milderen Lichte dargestellt werden sollen, so hätte es einer sehr gewandten kunstreichen Rede bedurft, wie sie vielleicht Odysseus bei Euripides gehalten hat, wo Philoktetes dazu nicht in so trostloser ver- lassenheit, wie bei Sophokles erschien, wie aber Neoptolemus sie nicht halten konnte. Eine derartige Rede des Odysseus aber würde sich bei Sophokles mit der ganzen Anlage des Stücks allzuschlecht oder vielmehr gar nicht vertragen haben, wie überhaupt Entscheidungen durch gewanâte Wortgefechte sich für Euripides eignen, sich aber mit den edleren und höhcren Beweggründen bei Sophokles nicht vertragen.


