Aufsatz 
Ueber des Sophokles Philoktetes / von Konrad Schwenck
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die Heerführer, die ihn ausgesetzt. Endlich kam der Tag, wo der Unglückliche dem Griechenheer unentbehrlich ward, denn es ward der Götterspruch verkündet, Troja könne nur mit Hülfe des Bogens und der Pfeile des Herakles erobert werden. Dem klugen Odysseus ward der Auftrag den Philoktetes mit den Waffen des Heros von Lemnos zu holen, und dieser machte sich auf mit des bereits gefallenen Achilles jun- gem Sohne Neoptolemos, welcher sich wegen seiner Jugend wohl eignete dem Philok- tetes zu nahen, ohne in ihm den verdacht eines listigen Anschlags zu erwecken, dessen auch nur leiseste Erregung vermieden werden musste, wenn irgend eine Hoff- nung auf das Gelingen gefasst werden sollte.

Mit der Landung beider auf Lemnos beginnt die Tragödie, und da Philoktetes, wenn auch von schweren Leiden gequält, doch furchtbar und geradezu unnahbar für einen gewaltsamen Angriff war, weil er die Pfeile des Herakles hatte, so sollte List helfen. Odysseus konnte nicht wagen, selbst vor Philoktetes hinzutreten, da er be- fürchten musste erkannt zu werden, und darum giebt er dem Neoptolemus, dessen Heldennatur, zumal in dem ganz jugendlichen Alter, List und Berückung eben so fremd als zuwider sind, Anleitung den philoktetes zu belisten, und wacht darüber. Das hohe Ziel, welches erreicht werden soll, vermag es über den Jüngling, sich in die ihm so ganz unangemessene Lage zu versetzen, und so beginnt ein einfaches aber lebendiges Spiel, ganz geeignet die beiden Seiten der Idee, welche darzustellen ist, nämlich die Seite der Nothwendigkeit, dass Philoktetes dem gemeinsamen Vaterland helfe, und die andere, dass der Tiefgekränkte widerstrebt, klar und bestimmt hervor- treten zu lassen. Wenn sich ein offener gerader Heldenjüngling herbeilässt zZur Aus- führung täuschender List, die seinem ganzen Wesen fremd und zuwider ist, so kann dies nur geschehen, weil er die Ueberzeugung gewonnen hat, das hohe Ziel der Be- siegung des Feindes könne nur errungen werden, wenn, dem Orakelspruche gemäss, die verhängnissvollen Geschosse nebst Philoktetes herbeigeschafft würden. Hätte Tapferkeit durch eine glänzende Heldenthat dasselbe Ziel erreichen können, nicht würde der Jüngling das verhasste Thun auf sich genommen, sondern das Ziel erstürmt haben*).

*) Vielleicht könnte es sonderbar scheinen, dass Neoptolemus, welchem doch Odysseus mitge- theilt hatte, dass Philoktetes wegen der Störung der Opfer in Lemnos ausgesetzt und verlassen worden war, nie im Laufe des Stücks darauf kommt, ihm dies zu Gemüth zu führen und dadurch die Schuld derer, gegen welche der leidende Held erbittert war, zu verringern. Aber abgesehen davon, dass Neoptolemus als jugendlicher Held, zu Redekünsten wenig geneigt, von zwei verschiedenen Seiten in Anspruch genommen, einerseits nämlich von der Ausführung der für ihn drückenden List, andererseits