Aufsatz 
Ueber des Sophokles Philoktetes / von Konrad Schwenck
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Ueber des Sophokles Philoktetes von Konrad Schwenck.

Die ldee, welche Sophokles in der Tragödie Philoktetes darstellt, ist das Verhältniss des einzelnen Gliedes eines Volks diesem gegenüber, und zwar eines gegen sein Volk schwer erbitterten Gliedes, zur Zeit, wo dieses Volk seiner dringend bedarf. Die Lösung, welche die Tragödie diesem Verhältnisse giebt, lautet dahin, dass der Einzelne sich die Versöhnung, welche ihm geboten wird, soll gefallen lassen, dass er seinen Groll zum Opfer bringen und das Wohl und den Ruhm der Gesammtheit zu fördern bereit seyn soll. Nicht aber wird diese Lösung auf dem Wege der Betrachtung und des Abwägens der menschlichen Dinge herbeigeführt, sondern ein göttlicher Heros steigt vom Himmel herab und gebietet sie als Willen des höchsten allwaltenden Gottes, so dass sie dem Kreise der scharfsinnigen Erörterung eben sowohl, als dem der Spitzfindigkeiten, welche das, was nicht bezweifelt werden soll, in das Gebiet des Zweifels zu ziehen und darin zu erhalten wissen, entrückt ist, und eine höhere Weihe hat.

Philoktetes der Held, der Gefährte des Herakles, welcher bei dessen Tode seinen Bogen und seine Pfeile bekam, zog mit den andern Helden Griechenlands zu dem grossen Kampfe gegen Troja, da aber unterwegs eine Schlange ihm einen Fuss ver- letzte, setzten ihn die Griechen, die er durch seine schlimme Wunde, welche ihn zu Jam- mertönen zwang, beim Opfern störte, auf Lemnos aus, wo sie ihn im Schlafe verliessen, und wo er in der Einsamkeit von seiner Wunde fort und fort gequält in einer Grotte hausste, sein Leben fristend mit mühsam errungener Speise. Odysseus war es gewe- sen, welcher den Rath, ihn auszusetzen, gegeben und darum hasste er ihn in seinen grossen Leiden mit der tiefsten Erbitterung, wozu sich noch die Abneigung des Helden gegen List und Schlauheit, woran Odysseus reich ist, und die ihm als eines tapferen,

geraden Mannes unwürdig vorkommen, gesellt. Mit ihm aber hasst er die Atreiden, 1*