Aufsatz 
Ueber des Sophokles Philoktetes / von Konrad Schwenck
Einzelbild herunterladen

6

Raum gebe und sich durch sie zu grossmüthigen und edeln Empfindungen hinführen lasse. Wir erwarten nicht von der wunden Seele, die den Becher des Leidens bis auf die Hefe geleert hat, die ruhige Kraft, welche die menschlichen Dinge nach ihrem wahren Maasse misst und sich die Gereiztheit der Stimmung fern hält, damit sie kein falsches Gewicht in die Wagschale werfe. So werden die leiblichen Leiden des Philok- tetes nicht auf die Bühne gebracht um einen Augenblick des Jammers lediglich um sein selbst willen darzustellen, sondern sie dienen, wie überall, wo die Kunst ihrer Würde nicht vergisst, einem höheren Zweck, d. h. es tritt in ihnen die Beziehung auf ein Geistiges hervor. Ohne diese würde die Kunst, je genauer und stärker sie zeichnet und je mehr sie sich als sichere Kunstfertigkeit bewährt, um so mehr das Gemüth mit einem drückenden Mitleid belasten. Freilich bietet sich hier ein wesentli- cher Unterschied zwischen den verschiedenen Künsten selbst dar, denn wenn ein Ge- mälde nur Leiden ohne irgend eine Verklärung oder einen tröstlichen Ausweg darstellt, so fehlt die Erhebung, welche die Kunst gewähren soll, durchaus, und das Leiden dringt ohne Milderung mit aller Schärfe auf uns ein. Minder scharf geschieht dies bei der blos- sen Erzählung von solchen Leiden, vermöge der Beschaffenheit unserer Auffassung, wiewohl auch hier die Vorstellung leicht sogar bis zum Widerlichen gelangen kann, wovon man sich z. B. durch die Ekelschilderung der Pest in Bulwer's Cola Rienzi ein- dringlich belehren mag, So wie man sich bei Manzoni's Pestschilderung, die an wah rer Stärke die Bulwer'sche weit überragt, davon belehren kann, was bei allen Schrek- ken solcher Schilderungen doch eine versöhnende Erhebung gewährt*). Bei der Darstellung auf der Bühne, wo freilich die Dinge stark hervortreten, können diese

*) In Manzoni's herrlichem Werke bilden die Schrecken der Pest mit den Leiden der Menschen welche menschliche Gewaltsamkeit und Zügellosigkeit ihnen anthun, ein Gesammtbild eines furcht- baren Zustandes. Natur und Menschen, alles tobt durcheinander, dass kein Entrinnen aus dem Jammer möglich scheint, aber doch zeigt sich ein Stern am Himmel, dessen Strahlen das wilde Wogen dieses Meers von Unglück sänftigt und Trost gewährt, der Stern der Religion und der Liebe. Als menschliche Zügellosigkeit bis zum äussersten und frechsten Frevel geschritten war, erschüttert der fromme Bor- romeo das wilde sündensatte Herz des furchtbarsten der damaligen Gewaltmenschen und in der Pest ist aufopfernde Liebe und wahre Religion durch Liebesthätigkeit der Stern, welcher das Auge tröstend von den Schrecken der Erde und sie mildernd in ein reines Gebiet blicken lässt. Bei Bulwer dagegen ist die Beschreibung der Pest, welche die des Manzoni zu überbieten sucht, ein Einschiebsel, welches Gräu- liches darbietet, ohne mit dem Ganzen sich zu verbinden und sich auf seine Idee zu beziehen. Doch wäre Bulwer selbst ein Mann von dichterischem Herzen wie Manzoni, so dürfte man seine Werke doch nicht mit denen dieses letzteren, dessen edler Herzschlag in allen seinen Darstellungen wahrnehmbar ist, ver- gleichen, weil Bücher, welche, wie die Bulwerschen, wie zum Gelderwerb geschrieben werden, gewöhn- lich mehr Werke des Trachtens als des Dichtens sind.