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tung für die Gegenwart sind, z. B. von 1250 bis 1500 nur der Stände- und Stadtgeschichte. Jedenfalls soll die Aufmerksam- keit auf die Stände und Städte gerichtet werden, die dem Gesichts- und Gedankenkreis des Schülers am nächsten stehen, d. h. auf die Stände und Städte seiner engeren Heimat.
Es haben demnach die neuen Lehrpläne hinsichtlich der Heimatgeschichte eine weise Selbstbeschränkung geübt und den Sonderlehrplänen der einzelnen Anstalten sowie dem In- teresse und Geschick des einzelnen Geschichtslehrers in dankenswertester Weise den weitesten Spielraum eingeräumt. Betrachtet man diese Tatsache von einer anderen Seite, So kann man füglich behaupten: dem Geschichtslehrer ist die volle und alleinige Verantwortung für die Heimatsliebe auf- gebürdet, die den ehemaligen Schüler, wenn er zum Manne gereift ist, in seinem Verhältnis zum Vaterland wesentlich beeinflussen und zu Opfern gegenüber der Gemeinschaft be- stimmen soll. Daraus erwächst dem Geschichtslehrer eine sehr ernste und heilige Verpflichtung. Auch die Geschichte der Heimat hat zu zeigen, wie die Gegenwart mit ihren Licht- und Schattenseiten aus der Vergangenheit geworden ist. Daß jedem Zeitalter neben Vorzügen auch Schwächen anhaften, ist in der Unzulänglichkeit und Unvollkommenheit menschlicher Eigenart tief begründet.
So wenig wie die allgemeine Geschichte gibt die Heimat- geschichte Anweisungen, wie man die Mißstände abstellt. Das bleibt der Politik vorbehalten. Die Geschichte hat eine un- vergleichlich edlere Aufgabe. Sie offenbart dem weitschauen- den Auge, daß die Menschheit zu allen Zeiten in Kämpfe mit augenblicklichen Verhältnissen verwickelt war. Führende Geister wußten auf dem einen oder anderen Gebiete vorüber- gehende Abhilfe zu schaffen. Dann traten neue Nöte, geistiger oder materieller Art, zutage. Ihnen gegenüber vermittelt die Geschichte die Grundbedingung erfolgreicher menschlicher Tätigkeit. Sie bewahrt Völker wie Einzelwesen vor Ver- zweifelung im Unglück, sie schützt vor UÜbermut im Glücke. Sie zeigt aber auch, wie entsetzlich sich Pflichtwidrigkeit an Führern und Geführten zu allen Zeiten gerächt hat. Um solcher Erkenntnisse willen verdient die allgemeine wie die Heimatgeschichte eine liebevolle und sorgfältige Pflege in der Schule.


