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Schulen, wenn das für die wiſſenſchaftliche Forſchung erforderliche Spezialiſiren maßgebend wird für den Umfang der an die Schüler geſtellten Anſprüche. Die Gefahr iſt noch geſteigert durch die um⸗ ſichtige, aber ihren Zweck verfehlende Abfaſſung nicht weniger Übungsbücher, welche wo möglich jedes Wort zu einem Anlaſſe des Nachdenkens für den Schüler zu machen ſuchen und durch die jede Zuverſicht des Arbeitens ausſchließende Häufung von Schwierigkeiten eine Freudigkeit des Ge⸗ lingens nicht aufkommen laſſen. Werden dann überdies die extemporierten Leiſtungen der Schüler in dieſer Richtung zum Maßſtabe des geſamten über ſie zu fällenden Urteils gemacht, ſo wird begreiflich, daß dieſer Unterricht, obgleich auf auerkennenswerten wiſſenſchaftlichen Studien und auf methodiſcher Erwägung beruhend, dennoch zu einer drückenden Bürde für die Schüler werden kann. An dieſe Gefahr muß durch das Beiſpiel eines Lehrgebietes erinnert werden, weil dieſelbe in beachtenswertem Umfange zur Wirklichkeit geworden iſt.
In anderer Weiſe übt der namentlich in den letzten fünfzehn Jahren in reißender Schnelligkeit geſteigerte Zudrang zu den höheren Schulen, insbeſondere den Gymnaſien, einen erſchwerenden Einfluß auf die erfolgreiche Erteilung des Unterrichts aus. Wenn man ſelbſt abſieht von der Frage, ob nicht mit dieſer ſchnellen Vermehrung des Beſuchs der höheren Schulen der Prozentſatz derjenigen Schüler ſich geſteigert hat, welche für die Aufgabe derſelben minder geeignet, eben dadurch zu einer Hemmung des Unterrichts werden, ſo treten jedenfalls zwei Momente von zweifellos erſchwerendem Einfluſſe hervor.
Einerſeits hat eine anſehnliche Anzahl unſerer höheren Schulen eine Höhe der Geſammtfre⸗ quenz erreicht, welche ihre geſunde Entwicklung gefährdet. An mehr als einem Viertel der Gym⸗ naſien überſchreitet die Geſamtzahl der Schüler, ungerechnet die etwa beſtehenden Vorklaſſen, die Zahl 400 und reicht bis 700 und ſogar darüber. In der Regel ſind derartige Schulen zugleich in allen oder den meiſten einzelnen Klaſſen mit der als äußerſte Grenze zuläſſigen Schülerzahl ge⸗ füllt und bereiten dadurch dem Erfolg des Unterrichts diejenige Erſchwerung, welche mit einer hohen Schülerzahl unvermeidlich verbunden iſt. Aber ſelbſt wenn dieſer letztere Übelſtand nicht oder in nur mäßigem Grade vorhanden iſt, ſo liegt in der Höhe der Geſamtfrequenz an ſich ein ſchwer wiegen⸗ der Nachteil. Für den Direktor iſt es unter ſolchen Vorausſetzungen kaum ereichbar, daß er die Geſamtheit der Schüler nach Betragen, Fleiß und Leiſtungen, geſchweige denn nach ihrer Indivi⸗ dualität kenne und durch dieſe perſönliche Kenntnis erforderlichen Falles zweckmäßigen Einfluß ausübe. Der große Umfang des Lehrerkollegiums lockert das Band unter ſeinen einzelnen Gliedern, welches die unerläßliche und unerſetzliche Bedingung eines einheitlichen Zuſammenwirkens iſt. Die ganze Schule kommt in die Gefahr, einer Großſtadt darin ähnlich zu werden, daß Lehrer und Schüler faſt wie fremd aneinander vorübergehen und die perſönliche Teilnahme der Lehrer für die Schüler auf ein verſchwindendes Maß herabſinkt. Das Urteil über jeden Schüler wird zu einer aus den einzelnen Notizen, hauptſächlich über das Ergebnis der ſchriftlichen Klaſſenarbeiten, ſummierten An⸗ gabe über das Verhältnis ſeiner Leiſtungen zur Aufgabe der Klaſſe, ohne die belebende Anerkennung


