— 5—
an dem Gelingen ihrer Arbeit und die Sicherheit der Aneignung des Lehrſtoffes gefährdet, und daß anderſeits die Zerlegung der Jahreskurſe in ſemeſtrale Abteilungen die Lehrzeit der Schüler that⸗ ſächlich zu verlängern pflegt, iſt für den Erfolg des Unterrichts und im Intereſſe der Jugend ent⸗ ſcheidender Wert darauf zu legen, daß die bezeichneten Abweichungen von den Jahreskurſen und Jahresverſetzungen, wo ſie noch beſtehen, baldigſt abgeſtellt werden. Nicht als Abweichung iſt zu betrachten, wenn in Klaſſen von zweijähriger Lehrdauer, welche in allen Lehrgegenſtänden ungetrennt unterrichtet werden, einzelnen Schülern die Verſetzung in die obere Abteilung, welche ſie nach ein⸗ jährigem Beſuche der Klaſſe noch nicht erreicht hatten, nach anderthalbjährigem Beſuche bewilligt wird.
Durch die den Lehrplänen beigefügten Erläuterungen iſt auf einige weſentliche Geſichtspunkte hingewieſen, welche für das Verfahren beim Unterrichte und insbeſondere für das Maß der an die Schüler zu ſtellenden Anſprüche einzuhalten ſind. Die Lehrerkollegien und deren Vorſteher werden darin einen Anlaß zu erneuten didaktiſchen Erwägungen finden, um ſo mehr, da ſie ſich der über⸗ zeugung nicht verſchließen können, daß durch eine Reihe thatſächlich beſtehender und nicht zu ändernder Umſtände die erſprießliche Erteilung des Unterichts an den höheren Schulen erheblich erſchwert wird.
Die Anſprüche, welche an die Lehrer der höheren Schulen bezüglich der Höhe und des Um⸗ fanges ihrer wiſſenſchaftlichen Studien geſtellt werden müſſen, haben zu einem Überwiegen des Fachlehrerſyſtems an dieſen Anſtalten geführt. Man wird dieſe Entwicklung nicht an ſich für einen Nachteil anzuſehen haben; denn ein Lehrer, welcher ſeinen Gegenſtand in voller Sicherheit beherrſcht, kann vorzugsweiſe das Intereſſe für denſelben wecken und Erfolge des Unterrichts mit den mäßigſten Anſprüchen an die Arbeitskraft der Schüler erreichen. Aber die Gefahr iſt vorhanden, daß der einzelne Lehrer in den Anforderungen für ſein Gebiet das Maß außer acht laſſe, welches demſelben in dem ganzen Organismus des Schulunterrichts zugewieſen iſt, und daß die von den verſchiedenen Seiten an den Schüler geſtellten Forderungen drückend auf das Geſammturteil über denſelben wirken.
Schon aus dieſem Grunde hat an mehreren Stellen der Erläuterungen auf das Einhalten des richtigen Maßes hingewieſen werden müſſen; ein beſonderer Anlaß dazu liegt außerdem in der Entwicklung, welche mehrere mit ihren Elementen in den Schuluntericht reichenden Wiſſenſchaften in den letzten Jahrzehnten erfahren haben. Es genügt, an ein Beiſpiel zu erinnern. Die grammatiſche Wiſſenſchaft der beiden klaſſiſchen Sprachen des Altertums hat in den letzten vier Jahrzehnten eine erheblich veränderte Geſtalt gewonnen. Die Formenlehre iſt auf hiſtoriſche Sprachvergleichung be⸗ gründet; für die Syntax iſt eine ungleich ſpezieller eingehende Beobachtung zur Grundlage gemacht und zugleich die hiſtoriſche Entwickelung als maßgebender Geſichtspunkt anerkannt. Der Lehrſtand unſerer höheren Schulen muß allerdings, wie er darin bisher ſeine ehrenvolle Aufgabe erkannt hat, für ſeine Unterrichtsgebiete auf der Höhe der gegenwärtigen wiſſenſchaftlichen Forſchung ſtehen, und der Unterricht an den höheren Schulen darf nicht die Tradition eines Inhalts bewahren, welchen die wiſſenſchaftliche Forſchung beſeitigt hat. Aber gefährdet wird der Unterricht an unſeren höheren


