Aber Kaiser Friedrich war mehr denn die Hoffnung des Vaterlandes, er war der Lie bling seines Volkes. Hinreissend wirkte schon die IIoheit und gewinnende Liebenswürdigkeit seiner Erscheinung. Lines Hauptes höher denn alles Volk, angethan mit Helm und Tarnisch, erschien er uns wie ein Held der germanischen Sage, ein Ebenbild deutscher Schönheit und Kraft; sein helles Auge, sein freundliches Antlit« weckte Vertrauen, sein leutseliges Wesen gewann ihm die Ierzen. Und diese Ierzlichkeit, die er gegen jeden, auch den Geringsten im Volke an den Tag legte, hatte nichts Gesuchtes, nichts absichtlich Gemachtes;: er hatte sich gewöhnt, von der Höhe seiner fürstlichen Stellung nicht über das Leben seines Volkes hinweg, sondern in seine innersten Tiefen zu blicken. Darum war auch die Liebe, die sein Volk ihm entgegenbrachte, rein und unverfälscht; darum wird auch diese Liebe in unseren Ierzen lebendig bleiben weit hinaus über Tod und Grab. Und wenn der grosse Schlachtendenker unserer Tage einmal gesagt hat, dass das deutsche Volk durch seine Siege an Achtung überall, an Liebe nirgends gewonnen habe, So durften wir dennoch die Hoffnung hegen, dass es dem milden, versöhnenden Wesen Kaiser Friedrichs gelungen sein würde, dem deutschen Volke zu der Achtung auch das Vertrauen und die Liebe der Nationen zu erringen.
Sein eigenster und vornehmster Beruf ist es gewesen, schroffe Gegensätze zu mildern und zu versöhnen. Seine bescheidene Heldengrösse, seine gewinnende Leutseligkeit ist es gewesen, die die Herzensbrücke über den Main geschlagen und unsere süddeutschen Brüder hingerissen hat zu dem Gelübde:„Es soll kein Zwiespalt mehr sein zwischen Süd und Nord“. Er war es, der nach dem Jahre 1866 durch einen Besuch in Wien wieder eine persönliche Annäherung zwischen den Herrscherfamilien zuwege brachte, der vor wenigen Jahren durch seinen Besuch beim Papste den Ausgleich des politisch-kirchlichen Streites vorbereitete und auch hier ein Band persönlichen Wohlwollens knüpfte: hat Papst Leo es doch selbst bekannt, dass er sich nicht vom Lager erhob und nicht zur Ruhe legte, ohne ein heisses Gebet für die Genesung des hohen Kranken zum Himmel emporgesandt zu haben; selbst im rachedurstigen Frankreich, das die Schärfe seines Schwertes gefühlt hat, verstummte der Hass vor der Lauterkeit seiner friedfertigen Gesinnung. Ein Friedensfürst wollte er auch seinem Volke sein und im Vaterlande selbst die Gegensätze der Stände, der politischen Parteien, der religiösen Bekenntnisse versöhnen.„Unbe- kümmert um den Glanz ruhmbringender Grossthaten“, so bekannte er bei seiner Thronbesteigung, »„werde Ich zufrieden sein, wenn dereinst von meiner Regierung gesagt werden kann, sie sei meinem Volke wohlthätig, meinem Lande nützlich und dem Reiche ein Segen gewesen.“
Ein heiliges Vermächtnis ist es, das uns der hochselige Monarch mit der Kundgebung jener edlen Grundsätze und Ziele hinterlassen hat. An uns ist es, dasselbe treu zu bewahren, wollen wir anders sein Andenken recht ehren und uns des hohen Vorzugs wert erzeigen, dass er der Unsere gewesen ist. Unser Streben soll es sein, seinem Beispiel zu folgen, den Geist zu bilden und das Gemüt zu veredeln, den Blick zu befreien von Vorurteil und Einseitigkeit, das Herz zu reinigen von Hass und Selbstsucht, in uns zu pflegen eine friedfertige und versöhnliche Gesinnung, zu ringen nach wahrer Tugend und ächter Gottesfurcht; auch wir sollen uns allezeit bereit finden lassen, Leib und Leben einzusetzen für das Wohl des Ganzen und unsere ganze Kraft zu stellen in den Dienst des Vaterlandes.
Wenn etwas imstande war, dem heimgegangenen Fürsten in noch höherem Grade, als er sie schon besass, die Liebe seines Volkes, die Ehrfurcht und Bewunderung der Welt zu
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