hat, werde ich mein Lebelang nicht vergessen. Hier konnte das Gemüt sich von der Erde abwenden und dem Gedanken ungestört nachhängen, der jedes Christen Innerstes ergreift, wenn er auf das grosse Erlösungswerk zurückblickt, das an dieser Stelle seinen erhabensten Ausgangs- punkt feierte. Das Nachlesen der Lieblingsstellen in den Evangelien an solchem Orte ist ein Gottesdienst für sich.“ Auch das Land der Pharaonen, die uralten Kulturstätten im Thale des Nil, die Pyramiden und ihre innersten Geheimnisse hat er geschaut. Wenn solche Eindrücke wirken auf ein empfängliches Gemüt, auf einen offenen Sinn, dann bildet sich ein grosser, ein harmonischer Geist, der, wie er die Kultur der Vergangenheit in sich aufgenommen hat, auch die Kulturaufgabe seiner eigenen Zeit erkennt, ein Fürst, der würdig und fähig ist, an die Spitze eines grossen Volkes zu treten und dasselbe höheren Zielen entgegenzuführen.
War es ihm auch nicht vergönnt, diese reichen Gaben während einer langen Regierungszeit auf dem Throne zu entfalten, so hat er doch als Kronprinz im Stillen manches edle Friedenswerk angeregt und gefördert. Seit dem Jahre 1872 war ihm das Protektorat der Königlichen Museen übertragen, und seinem Eifer, seiner Fürsorge ist es zu verdanken, dass heute die Hauptstadt des Deutschen Reiches bezüglich ihrer Kunstschätze mit den übrigen Hauptstädten Europas wenigstens einen Vergleich wagen darf. Gerade auf diesem Gebiete bewährte er eine besonders glückliche Hand: Kunstwerke von unsterblicher Schönheit sind unter den Trümmern von Olympia und Pergamon herausgegraben und dem Tageslicht wiedergegeben worden. Wer heute nach Berlin kommt, der kann, wie der Kronprinz selbst es einmal mit gerechter Befriedigung einem Franzosen gegenüber ausgesprochen hat,„dort mehr sehen denn Kasernen“.
Wissenschaft und Kunst haben seit der Wiedererstehung des Reiches kein Fest gefeiert, an dem er nicht lebhaften Anteil genommen hätte: Die Universität Bonn hat ihn bei ihrem 50 jährigen, Heidelberg beim 500 jährigen Jubiläum als Gast gesehen, die Gewerbeausstellung in Düsseldorf hat er eröffnet, in Köln an der Seite seines Kaiserlichen Vaters der Feier zur Vollendung des Domes beigewohnt. Bei solchen Veranlassungen ergriff er die Gelegenheit, dem deutschen Volke die Aufgabe der Gegenwart und der Zukunft vor Augen zu-führen. So rief er in Düsseldorf: „Es gilt heute mehr denn je, festzuhalten an unseren idealen Gütern“, und im Gürzenichsaale zu Köln forderte er die Festversammlung auf,„festzuhalten an unseren höchsten nationalen Gütern, an deutschem Sinn und Wesen, an deutscher Frömmigkeit, an deutschem Ernst in Kunst, Gewerbe und Wissenschaft“, und dem vollendeten Bauwerk wünschte er,„dass es ein Sinnbild sein möge deutscher Treue und Einigkeit“.
In ganz besonderem Grade lag ihm die Jugenderziehung am Herzen, und es unterliegt wohl keinem Zweifel, dass er seine eigene persönliche Fürsorge auch dem Schulwesen zugewendet haben würde, um die auf diesem Gebiete brennend gewordenen Fragen einer gedeihlichen Lösung entgegenzuführen. So hoch er den Wert allgemeiner Volksbildung auch stellte, so warnte er doch vor Halbbildung, die zu eitler Selbstüberhebung und erhöhten Lebensansprüchen verleitet, warnte er vor einer Uberschätzung des Wissens gegenüber den sittlichen Aufgaben der Erziehung. In einfacher Sitte, auf der festen Grundlage der Gottesfurcht wollte er die Jugend erzogen wissen. Ihr älteren Schüler vermögt Sinn und Absicht der Worte, die er bei seinem Regierungsantritt der Jugend gewidmet hat, schon zu begreifen: haltet euch dieselben als einen Spiegel vor Augen, trachtet darnach, die goldenen Lehren eures heimgegangenen Kaisers in der Schule wie im Leben zu verwirklichen!


