Aufsatz 
Dem Kaiser Friedrich III. zum Gedächtnis : (30. Juni 1888.) / L. Kaiser
Entstehung
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die Vogesen zog sich das geschlagene französische Heer zunächst in der Richtung auf Paris zurück; dann bog dasselbe nördlich nach der belgischen Grenze ab und war im Begriff, sich in grossem Bogen rückwärts zu wenden, um dem in Metz eingeschlossenen französischen Feldherrn Entsat⸗ zu bringen. Allein der Kronprinz folgte den Flüchtigen auf dem Fusse, und nach den siegreichen Schlachten bei Metz rückte ein zweites deutsches Heer der französischen Feldarmee entgegen. Bei Sedan wurde dieselbe endlich erreicht und von allen Seiten eingeschlossen. Iier fiel denn der entscheidende Schlag, unter welchem das französische Kaiserreich zusammenbrach, hier wurde die Einigkeit aller deutschen Stämme durch eine Waffenthat besiegelt, welche in der Kriegs- geschichte aller Zeiten kaum ihres Gleichen findet und deren Andenken im Bewusstsein unseres Volkes von der Erinnerung an die Wiedergeburt des Reiches unzertrennlich geworden ist.

Aber diese reichen, nie verwelkenden Siegeslorberen erschöpfen keineswegs den Ruhm unseres dahingeschiedenen Kaisers: bereits als Kronprinz wandte er seine lebhafte Fürsorge den stillen Werken des Friedens zu, vornehmlich denjenigen der Wissenschaft und Kunst. Ausgezeichnet durch eine seltene Vielseitigkeit des Geistes und Tiefe des Gemütes, wohl vorbereitet durch eine umfassende Bildung und reiche Erfahrung, schien er zum errschen berufen, wie kaum ein Fürst, der jemals einen Thron bestieg.

An einem glückverheissenden Tage, dem 18. Oktober 1831, dem 18. Gedenktage der Leipziger Schlacht, welche das Vaterland von dem Joche der Fremdherrschaft befreite, war Kronprin⸗ Friedrich Wilhelm in Potsdam geboren. Seine Erziehung war wie die aller preussischen Prinzen von früher Jugend an eine streng militärische, aber keineswegs einseitige. Dem idealen Sinn seiner Kaiserlichen Mutter ist es zu danken, dass der junge Prinz frühe in die Pflege der Wissen- schaften und Künste eingeführt wurde, dass die hervorragendsten Männer als seine Lehrer berufen wurden, Männer wie der Altertumsforscher Ernst Curtius, der Mathematiker Schellbach, der Komponist des Liedes vom deutschen Vaterlande, Reichardt. Als achtzehnjähriger Jüngling ging er zur Universität nach Bonn, wo er u. a. die Vorlesungen hörte von M. Arndt, dem begeisterten Sänger der Freiheitskriege, wo er neben dem Ernst der Wissenschaft auch jenen unbefangenen rheinischen Frohsinn pflegte, der seiner eigenen Natur so nahe verwandt war. Das wissenschaftliche Studium wurde durch die lebendigen Eindrücke zahlreicher und ausgedehnter Reisen ergänat. Seine fürstliche Stellung brachte es mit sich, dass er nach und nach alle europäischen Haupt- städte besuchte und kennen lernte. Die erste dieser Reisen führte ihn im Jahre 1851 nach London zum Besuche der Weltausstellung. Ilier war es, wo er die damals erst zehnjährige Prinzessin Viktoria zum ersten Mal sah; 5 Jahre später folgte die Verlobung, und am 25. Januar 1858 schloss das glückliche Paar den Bund für das Leben.

Aber auf ceremonielle Hlofbesuche beschränkte der Kronprinz seine Reisen nicht: es giebt kaum eine Stätte alter und neuer Kultur, wo er nicht edle und bildende Eindrücke tief hätte auf sich wirken lassen. Das ewige Rom hat seinem Blicke wiederholt seine reichen Kunstschätze erschlossen, von der athenischen Akropolis hat er hinabgeschaut auf die Trümmer griechischer Kunst und Herrlichkeit; die Cedern auf dem Libanon hat er rauschen gehört, in Damaskus orientalische Pracht bewundert, in Jerusalem und auf der Höhe des Olbergs heilige Erinnerungen durch seine Seele ziehen lassen.Diesen ersten Abend in Jerusalem so schrieb er in sein Tagebuch, an welchem ich vom Ölberg den Sonnenuntergang betrachtete, indem gleichzeitig jene grossartige Stille in der Natur eintrat, die schon an jedem anderen Orte etwas Feierliches