Aufsatz 
Dem Kaiser Friedrich III. zum Gedächtnis : (30. Juni 1888.) / L. Kaiser
Entstehung
Einzelbild herunterladen

Vorsehung gerade ihm, zu dem das Vaterland mit gerechter Hoffnung emporblickte, gerade ihm unter Tausenden ein so schweres Leiden auferlegt, ein so rasches Ende bestimmt hat. Darum will uns das Gefühl bitterer Enttäuschung nicht verlassen, darum wird in unserem erschütterten Gemüte noch lange nachzittern ein tiefes und schmerzliches Weh. Aber wir beugen uns in stiller Ergebung vor dem unerforschlichen Ratschluss Gottes, der da spricht:Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und meine Wege sind nicht eure Wege.

Aber ist denn wirklich die Wirksamkeit unseres entschlafenen Kaisers eine so kurze gewesen? zählte sie wie seine Regierung nur nach der kurzen Spanne Zeit von 99 Tagen? Nein, auch er war ein auserwähltes Rüstzeug in der gewaltigen Hand Gottes, auch er ist unserem Volke ein Segen, auch sein Leben ist köstlich gewesen durch Mühe und Arbeit, reich an Verdiensten um die äussere und innere Wohlfahrt unseres Vaterlandes. Seine Heldengestalt war schon mit dem Siegeslorber geschmückt, lange che er berufen war den Thron zu besteigen: lange bevor er das Scepter führte, hat er ruhmvoll und siegreich den Feldherrnstab geführt. Heute, wo wir sein Gedächtnis feiern, wollen wir uns zunächst dankbar und mit gerechtem Stols der herrlichen Siege crinnern, welche er auf dem Schlachtfelde errungen, weniger um deswillen, weil Kriegs- und Siegesthaten am glänzendsten in die Augen fallen, als vielmehr deshalb, weil durch sie die Ehre, Einigung und Grösse des deutschen Reiches mit errungen worden ist.

Die Gespanntheit der inneren Verhältnisse Deutschlands hatte im Jahre 1866 den Bruderkrieg Deutscher gegen Deutsche, Preussens gegen Osterreich unvermeidlich gemacht: es galt, diesen Krieg durch eine rasche Entscheidung zu beendigen, die Opfer und Schrecken desselben auf das geringste Mass zu beschränken. An dem glücklichen Gelingen dieses Werkes, an der Beschränkung des Entscheidungskampfes auf einen Krieg nicht von sieben Jahren, sondern von sieben Tagen gebührt dem damaligen Kronprinzen Friedrich Wilhelm ein hervorragender Anteil.

In drei Heeressäulen rückten die preussischen Truppen in Böhmen ein. Dem Kronprinzen als dem Führer der zweiten, der schlesischen Armee war die schwierige Aufgabe zugefallen, sich durch die Engpässe des Riesengebirges den Einmarsch nach Böhmen zu erzwingen. Binnen vier Tagen war diese Aufgabe durch eine Reihe siegreicher Treffen gelöst: am 2. Juli stand die schlesische Armee in schlagfertiger Ordnung bei Königinhof, einen starken Tagemarsch von der Hauptmacht des Feindes entfernt. Da kam mitten in der Nacht aus dem Königlichen Haupt- quartier die Nachricht, dass man am folgenden Tage den Feind angreifen wolle und mit Bestimmtheit darauf rechne, dass der Kronprinz mit seiner Armee rechtzeitig zum entscheidenden Schlage eintreffen werde. Die Lage war ähnlich wie bei Waterloo, wo Blücher mit seinen ermüdeten Truppen einen langen und mühsamen Marsch machen musste, um den Engländern die versprochene und so notwendige Iilfe zu bringen. Vom frühen Morgen an war die Armee des Kronprinzen auf dem Marsch, er selbst an der Spitze, seine Truppen anfeuernd, um rechtzeitig das Schlachtfeld zu erreichen. Der ferne Kanonendonner der bereits begonnenen Schlacht bezeichnete die Richtung des Marsches. Heiss war der Kampf und kaum vermochte Prinz Friedrich Karl der Übermacht standzuhalten. Da mit einem Male gegen Mittag spürten die bedrängten Preussen, dass Hilfe gekommen war; um 3 Uhr erstürmte der Kronprinz die Höhe von Chlum, welches den Stützpunkt der feindlichen Stellung bildete, und entschied damit die Schlacht und mit dieser den ganzen Feldzug. Im dichtesten Kugelregen hatte er selbst gehalten und den Angriff auf die feindlichen Stellungen geleitet. Erst spät am Abend traf er mit seinem