Aufsatz 
Dem Kaiser Friedrich III. zum Gedächtnis : (30. Juni 1888.) / L. Kaiser
Entstehung
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mit der vaterländischen Erde seine Kraft erneuere, als ob die Energie des Geistes und Willens, mit welcher der kranke Monarch die Pflichten seines Herrscherberufes erfüllte, auch den Körper wieder aufrichten werde: da erwuchs in manchem Herzen der stille Wunsch zu der Hoffnung, dass ein Wunder geschehen und doch noch eine gute Wendung eintreten werde. Aber Gott hatte es anders beschlossen: rascher, als es selbst die Wissenden gedacht, trat die Verschlimmerung ein; ungeduldig griff der Tod nach der lang erkorenen Beute, und nur das eine vermögen wir ihm blutenden Herzens zu danken, dass er die Erlösung gebracht hat von unsäglicher Qual und unheilbarem Leiden. Sanft und schmerzlos ist gestern vor 14 Tagen um 11 ¹1 Uhr unser heiss- geliebter Kaiser Friedrich eingegangen zum ewigen Frieden.

Schwere Schläge haben unser Volk, haben unser Herrscherhaus getroffen, das vor kurzem noch mit Stolz auf vier lebende Generationen blicken durfte. Wer ermisst den Schmerz der verwitweten Kaiserin, die dem heimgegangenen Gemahl eine treue Lebensgefährtin gewesen ist in guten und in bösen Tagen, die ihm im trauten Kreis der Familie ein glückliches Heim bereitet hat, wo neben wahrhaft königlicher Gesinnung schlichte bürgerliche Sitte und rein menschliche Tugend wohnte, die mit ihm eins gewesen ist in einem freien, vorurteilslosen Blick, die dem kranken Gatten in den schweren Tagen seines Leidens nicht von der Seite gewichen ist und es als ihr eigenstes Vorrecht betrachtete, ihn zu pflegen und ihm jeden Liebesdienst zu erweisen? Wer ermisst den herben Schmerz der hochbejahrten Mutter, die so rasch nacheinander den Gatten und den einzigen Sohn zur Ruhe gebettet hat? wer das Leid der treuen Schwester, die binnen wenigen Monaten den Sohn, den Vater, den Bruder hat ins Grab sinken sehen? Wer teilt nicht den Schmerz der Kinder, die einen liebevollen Vater beweinen, vornehmlich des ältesten Sohnes, unseres nunmehrigen Kaisers und Königs Wilhelm, der sich so früh des väterlichen Rates beraubt, in so jugendlichem Alter zu den schweren Pflichten des Thrones berufen sieht? Und mit unserem Herrscherhause trauern wir alle, trauert das deutsche Volk um seinen Kaiser, dessen Name mit unvergänglichen Zügen eingeschrieben ist in die Auferstehungsgeschichte des deutschen Reiches. Die Länder und Völker Europas chren und teilen diese Trauer um einen Friedensfürsten, vor dessen Aufrichtigkeit und Lauterkeit selbst der Argwohn des von ihm niedergeworfenen Feindes verstummte.

So tief die Trauer auch gewesen ist, als Kaiser Wilhelm die Augen schloss, so erfüllte doch mit Dankbarkeit unser Herz der Gedanke, dass die Vorsehung ihm, der im Alter von 64 Jahren den Thron seiner Väter bestieg, eine so lange und ruhmvolle Regierung beschieden, dass Kaiser Wilhelm sich zur Ruhe legen durfte, nachdem er sein Werk vollbracht, glücklicher und glänzender, als er selbst es je hätte ahnen können; Trost gewährte uns ferner das Bewusstsein, dass auch das längste Leben schliesslich dem ewigen Gesetz des Werdens und Vergehens anheimfällt, dass, wenn sich der Kreislauf eines langen, thatenreichen Lebens erfüllt hat, der Tod erscheint als ein Friedensbote, um den, der hienieden ausgerungen, hinüberzugeleiten in ein ewiges Reich, da dem Überwinder die Palme des Priedens und die Krone des Lebens winkt. Heute mit solchem Trost die Trauer zu beschwichtigen, will uns nicht gelingen. Hier sehen wir ein Leben vernichtet, das eben erst seine Blüte vollendet hatte, hier wurde eine Saat geknickt, deren reiche, köstliche Frucht eben zu reifen begann, hier hat der Tod einem reichbegabten und thatkräftigen Fürsten die Zeit des Wirkens abgeschnitten, auf welche sich derselbe so lange und so sorglich vorbereitet hatte. Unsere Vernunft vermag es nicht zu fassen, warum die