Aufsatz 
Dem Kaiser Friedrich III. zum Gedächtnis : (30. Juni 1888.) / L. Kaiser
Entstehung
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Dem Kaiser Friedrich III. zum Gedächtnis.

(30. Juni 1888.)

Licbe Schliler, wertgeschätzgte Köollegen!

Noch sind kaum die Trauerglocken verhallt, welche Deutschlands erstem Kaiser zur ewigen Ruhe geläutet haben, und schon wieder ertönt ihr eherner Mund, dem deutschen Land und Volk die schmerzliche Botschaft zu verkünden: auch der zweite deutsche Kaiser hat ausgerungen und ist heimgegangen zu seinen Vätern. Von neuem erheben wir die Totenklage an der Bahre unseres vielgeliebten Kaisers Friedrich. Wer hätte zu Anfang des vorigen Jahres geahnt, dass dieser Fürst, damals noch ein Bild blühender Gesundheit und Kraft, seinem neunzig- jährigen Vater so bald folgen und nur 99 Tage nach ihm hinabsteigen würde in die Gruft? Wie eine deutsche Eiche, so schien dieses Urbild deutscher Manneskraft auf lange Jahre hin festgewurzelt und bestimmt, schützend sceine Zweige auszubreiten über einem Volke, das nach schweren äusseren und inneren Kämpfen unter seinem Scepter eine Zeit friedlicher und gesegneter Weiterentwickelung zu erleben hoffte. Nicht ein Wettersturm war es, der mit jäher Gewalt diesen stolzen Stamm zerschmetterte: ein nagender Wurm bohrte sich tückisch ein in sein innerstes Mark, langsam aber unaufbaltsam zehrend, bis endlich der herrliche Baum zusammen- brach, mit einem Schlage alle Ioffnungen begrabend, die man auf seinen Schutz und Schirm gesetzt hatte.

Wie ein Blitz durchzuckte uns vor etwa Jahresfrist die unheimliche Kunde: Kronprin⸗ Friedrich Wilhelm ist schwer krank. Nicht die Heilquellen von Ems, nicht die Luft der schottischen und der Tiroler Berge haben die ersehnte Genesung gebracht: unter einem südlichen Himmel, fern an dem Gestade des Ligurischen Meeres kämpft unser Kronprinz einen hoffnungslosen Kampf gegen einen unerbittlichen Feind, den sicheren Tod. Wie haben wir da mit banger Sorge jeder Nachricht gelauscht, die Kunde brachte von dem geliebten Kaisersohn aus der Fremde, wie ist es da Tag für Tag unsere erste Frage gewesen: wird es allen Mitteln ärztlicher Kunst, wird es aufopfernder Liebe und Pflege nicht doch gelingen, dem Tode die Beute zu entreissen? Wie wurden damals von Millionen treuer deutscher Herzen heisse Gebete zum Himmel geschickt, dass Gott den Liebling unseres Volkes schützen, dass er ihm die Gesundheit wiedergeben möchte! Und als nach dem Tode des Vaters Kaiser Friedrich trotz Sturm und Winterkälte in die Mitte seines Volkes geeilt war, die Zügel der Regierung zu ergreifen, als es schien, als ob die Berührung