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Lektüre des Tacitus Gelegenheit gibt. Die Annalen und Historien sind eine Art Gesell- schaftspathologie, halb als soziologische physiologische— nicht als historische— Studie, hnalb als Weck- und Warnruf aufzufassen. Deshalb sind sie auch halb nach vorwärts, halb nach rückwärts gewendet und demgemäss zu behandeln. Man muss also immer auf die Merkmale der Fäulnis, die sich schon im ersten Jahrhundert v. Chr. zeigen, auf die Versuche des Augustus, das römische Volk zu einer Regeneration zu führen, zurückverweisen; gleich- zeitig immer vorwärts zeigen auf das Ende, zu dem die Degeneration das römische Reich geführt hat, auf die Zeit des Verfalls und Untergangs.
Zu beachten ist, dass Tacitus keine Gelehrten-, sondern eine Künstlernatur ist; zum Historiker gar hat er zuviel Sentiment. Er ist deshalb mit Vorsicht zu geniessen und wo er als geschichtliche oder wirtschaftspolitische Quelle benutzt wird, durch die Ergebnisse der Forschung zu berichtigen nnd zu ergänzen. Das Gemälde, das er von der römischen Gesellschaft entwirft, ist künstlerisch vollendet; Aufgabe des Lehrers ist es, nach Kräften das Gemälde so zu retouchieren, dass es photographische Treue gewinnt.
Selbstverständlich müssen vor allem die Abschnitte gelesen werden, die sich auf Deutschland beziehen; ebenso selbstverständlich müssen hierbei die wirtschaftlichen Zu- stände Deutschlands zur Zeit des Tacitus wie auch ihre weitere Entwicklung berührt werden.
Die Römeroden des Horaz bleiben dem ein Buch mit sieben Siegeln, der nicht einen Einblick in die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zustände zu Anfang der Kaiserzeit getan hat. Gut ists, wenn man den Dichter durch sich selbst wirken lassen kann und nur an Bekanntes zu erinnern nötig hat. Wo aber diese Zustände dem Schüler noch nicht vertraut sind, ist eine, wenn auch kurze, geschichtliche Einleitung in die Römeroden nicht zu entbehren. Diese müsste über die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Miss- stände im Rom des Augustus und die Versuche des Kaisers Abhilfe zu schaffen berichten.
Horaz bietet auch sonst vielfach Gelegenheit, kleine Ausschnitte aus dem Wirtschafts- leben aufzuzeigen. Ein Hauptvorzug des Dichters ist die Kunst der Milieuschilderung. Der Schüler wird sie erst dann voll erfassen und bewundern können, wenn er das be— treffende Milieu wenigstens einigermassen kennen gelernt hat. Das gesellschaftliche Milieu kann aber meistens nur aus den wirtschaftlichen Zuständen begriffen werden. Wieviel lässt sich doch aus dem oben erwähnten Vers„cedes coéëmptis saltibus“ etc. herausholen! Und es muss herausgeholt werden, da sonst der Vers unverständlich bleibt.
Die griechische Tragödie bietet nur gelegentlich Anlass zu wirtschaftlichen Erörterungen und Erklärungen, wenigstens soweit sie auf der Schule gelesen wird. Anders z. B. Aschy- los Eumeniden, in denen wir die Klassenkämpfe der 60er Jahre nachzittern fühlen, und Euripides Elektra.
Zum Verständnis der Gleichnisse in der Ilias sind mehr oder weniger eingehende wirtschaftliche Erläuterungen notwendig. So weit möglich sollte man hierbei induktiv vorgehen und aus den Gleichnissen selbst die Zustände ableiten lassen. Eine Zusammen- stellung dessen, was man aus den Gleichnissen gewonnen hat, dürfte ein ziemlich voll- ständiges Bild der wirtschaftlichen Verhältnisse in homerischer Zeit ergeben. Dies Bild findet sich im Zusammenhang im„Schild des Achilleus“, diese Stelle wird auf der Schule selten gelesen.
Von Prosaikern werden in Prima besonders Thukydides, Plato und Demosthenes gelesen. Thukydides ist der erste Historiker, der dieses Namens ohne jede Einschränkung würdig ist; er ist auch der erste, der bewusst die wirtschaftliche Entwicklung im Auge behalten hat. Freilich auf der Schule wird meist die Partie gelesen, wo das wirtschaft- liche mehr in den Hintergrund tritt, die sizilische Expedition. Doch muss hierbei betont werden, dass ein wirtschaftlicher Faktor ein, wo nicht der Hauptgrund zu diesem Unter- nehmen war, die Rücksicht auf den Kornreichtum der Insel. Für die Auswahl, die aus den Reden des Demosthenes zu treffen ist, kann die Rücksicht darauf, ob sie für unsere


