Aufsatz 
Wirtschaftliches im altsprachlichen Unterricht / von Dr. P. Schott
Entstehung
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11.

Ich wende mich zum Griechischen Unterricht in Sekunda. Hier nimmt Herodot eine ähnliche Stellung ein wie Livius im Lateinischen. Auch er hat für Klassen- kämpfe wenig Interesse und noch weniger Verständnis. Den wirtschaftlichen Zuständen fremder Länder bringt er nach aussen hin einen ziemlich sicheren Blick, nach innen ein ganz geringes Verständnis entgegen. Man verzichtet am besten sie aus ihrer Verkleidung, aus all dem sicher sehr liebenswürdigen Beiwerk herauszuschälen. Der Ertrag würde die Mühe nicht lohnen. Auch muss Herodot rasch gelesen werden, wenn Lehrer und Schüler Freude an ihm haben sollen.

Die Lehrpläne der preussischen Gymnasien gestatten, neben Herodot Lysias zu lesen. Wie alle Redner, bietet Lysias für unsere Zwecke viel interessantes Material. Ich erinnere mich, wieviel wir als Obersekundaner unmittelbar und mittelbar aus der Rede gegen die Getreidespekulanten gelernt haben. Damals stand die Frage nach dem Verbot des Terminhandels in Getreide im Mittelpunkt des allgemeinen Interesses. Wir hatten alle für oder wider Stellung genommen, je nachdem wir glaubten, konservativ oder freisinnig usw. zu sein. Aber davon, was Terminhandel eigentlich ist, wussten wir genau soviel, wie sechzehnjährige Grosstadtjungens davon zu wissen pflegen, nämlich garnichts: Durch die Lektüre wurden wir angeregt, über die Frage uns zu informieren und nach- zudenken. Nachher hatten wir wenigstens eine leise Ahnung davon, was Terminhandel eigentlich ist. Dabei erwähnte der betreffende Lehrer das WortTerminhandel niemals, wie er überhaupt nie von der Politik des Tages sprach. Trotzdem hat er durch die verständige Leitung der Lysiaslektüre ein gutes Stück staatsbürgerliche Erziehung an uns geleistet.

Wie mancher verlässt das Gymnasium, ohne eine klare Vorstellung von Begriffen wie Aktiengesellschaft, Kommanditierung usw. erhalten zu haben! Bei der Bedeutung, die diese Dinge für die Gegenwart haben, ist das allerdings ein Mangel an allgemeiner Bildung. Kaum eine Gelegenheit dürfte sich finden, wo sich eine Erklärung dieser Be- griffe so bequem, ungezwungen und ruhig geben liesse, wie bei Lysias Rede gegen die Getreidewucherer.

Mit dem Athen des Lysias kann man das Rom der Revolutionszeit, wie auch unsere Zeit mit ihrer kapitalistischen Wirtschaftsform vergleichen. Eine konzentrierende Ge- samtrepetition kann Gelegenheit nehmen, den allgemeinen Typus der Kreditwirtschaft festzustellen, ihn in seinen Erscheinungsformen, seinem Nutzen und seinem Schaden zu betrachten.

Andere Reden des Lysias entrollen anschauliche Einzelbilder aus dem wirtschaft- lichen Leben.

Bei der Odyssee ist es, wie bei Herodot, ratsam, rasch mit der Lektüre vorzu- rücken. Darum muss man darauf verzichten, wirtschaftliche Begriffe aus ihr abzuleiten; an sich wäre es ja wohl möglich, z. B. bei der Behandlung der Polyphemepisode(oikos autarkes); der Phäaken usw. Natürlich, was zum Verständnis des Kunstwerkes an sich nötig ist, muss auch hier beigebracht werden. So muss das Verhältnis desbasileus zu den pbasileis'nicht nur nach seiner politischen, sondern auch nach seiner wirt- schaftlichen Bedeutung erklärt werden. Sonst versteht der Schüler nicht, wie es möglich ist, dass die Freier sich im Hause des Odysseus hinsetzen und prassen, mit andern Worten, er versteht einen grossen Teil der Odyssee nicht.

In Obersekunda wird die Geschichte der Griechen und Römer zum zweiten Mal gelehrt. Wenn auch der Stoff derselbe ist, muss doch die Behandlung eine ganz andere sein.

Dem reiferen Schüler wird nunmehr zusammenhängendGeschichte, das, was geschieht, vorgetragen; es kommt dem Geschichtsunterricht nicht mehr allein darauf an, ihn zu erziehen, seinen Charakter, seinen Verstand zu formen; jetzt soll er ihm wertvolle Kenntnisse mitgeben: Der Standpunkt des Gelehrten, der wissenschaftliche, historische