Aufsatz 
Wirtschaftliches im altsprachlichen Unterricht / von Dr. P. Schott
Entstehung
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10.

Die Überleitung zum nächsten Reformversuch geschieht durch Feststellung der neuen oder auch alten Parteigruppierung, die jeder Punkt in der Entwicklung zur Folge hat. Die Ereignisse der äusseren Politik, die ja mit denen der inneren in einem gegenseitigen Kausalitätsverhältnis stehen, sind kurz zu streifen, soweit das Kausalitätsverhältnis in Frage kommt. Auf diese Weise schreitet die Darbietung weiter bis zu Catilina, dessen frühere Versuche mit einzubeziehen sind. Unterbrochen wird die Darbietung durch die Einübung. Da es sich voraussichtlich um eine ganze Reihe von Stunden handeln wird, wird zu Anfang jeder Stunde wiederholt, was in der vorausgegangenen durchgenommen worden ist. Dabei kommen zunächst Wiederholungsfragen in Betracht, wie bei der immanenten Repetition. Auf die Dauer braucht man auf einen zusammenhängenden Vor- trag des Schülers nicht zu verzichten; man wartet aber wohl am besten damit, bis er sich in den neuartigen Stoff etwas eingelebt hat. Man kann wohl von einem normalen Obersekundaner verlangen, dass er nicht übermässig komplizierte historische Verhältnisse logisch entwickeln kann, natürlich wenn es ihm vorgemacht ist. Man kann ihm die Sache durch ein Dispositionsschema erleichtern, das für jeden Akt der Revolution gültig ist, z. B.:

A. Lage vor der Revolution. B. Verlauf der Revolution. C. Ergebnisse; Lage nach der Revolution.

Der Hauptteil(B) lässt sich natürlich noch weiter allgemeingültig gliedern.

Eine fortwährende immanente Repetition ist die Lektüre selbst, bei der man be- ständig auf die historische Einleitung verweisen kann und muss.

Die individuelle Erscheinung kann mit gleichartigen verknüpft und so allgemein gültige Gesetze abgeleitet werden. Hier ist das Hauptgewicht auf die Selbsttätigkeit des Schülers zu legen, man lasse die Tatsachen ihre eindringliche Sprache reden; der Schüler wird sie schon verstehen.

Erst eine so umfassende geschichtliche Einleitung macht es der Klasse möglich, den Schriftsteller auch sachlich zu verstehen. So sehen wir hier an einem Einzelfall recht deutlich, welche Rolle das wirtschaftliche Moment im altsprachlichen Unterricht nicht nur spielen kann, sondern oft auch spielen muss, soll anders dieser Unterricht seinen Zweck erfüllen.

Auch zum Verständnis des bellum Jugurthinum ist eine genaue Kenntnis der römischen Parteiverhältnisse unentbehrlich. Ist doch auch das bellum Jugurthinum vor allem eine Tendenzschrift, die Stimmung gegen die Verderbtheit der Nobilität machen will. Gestalten wie Memmius, die beiden Postumii, Marius usw. sind typisch für das ganze Zeitalter, für ähnliche Zeitalter überhaupt.

Selbstverständlich ist die oben skizzierte Einleitung auch für Ciceros Catilinarien notwendig, wird natürlich überflüssig, wenn eine oder mehrere der Catilinarien in die Sallustlektüre eingeschoben werden.

Cicero selbst ist eine Gestalt, wie man sie in ähnlich bewegten Zeiten häufig trifft; er ist dementsprechend scharf zu charakterisieren als der Typus des aus der Kapitalisten- klasse hervorgegangenen Neuadligen, der wie alle Parvenus plus royaliste que le roi die Interessen seines neuen Standes einseitiger, schärfer vertritt, als die ver- ständigen Altadligen, und doch für seine neuen Standesgenossen immer der homo novus bleibt.

Auch viele andere Reden Ciceros bieten nicht nur Gelegenheit zu wirtschaftsge- schichtlichen Vorbemerkungen oder Exkursen, sondern sie zwingen geradezu dazu. Ich erwähne die Rede de imperio Cn. Pompei, weil sie auf den Schulen gelesen zu werden pflegt. Auch hier wird ein knappes Bild der Partei- und Klassenverhältnisse in Rom zum Verständnis unentbehrlich sein. Vor allem aber wird man eine kurze Geschichte der Getreideversorgung und überhaupt der Handelsbeziehungen Italiens geben müssen.