Aufsatz 
Wirtschaftliches im altsprachlichen Unterricht / von Dr. P. Schott
Entstehung
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8.

hältnisse die wirtschaftlichen beeinflussen. Man wird dabei manches vorwegnehmen, was erst später zur vollen Entwicklung gelangt ist. Auf feinere Nüancen wird man ver- zichten müssen. Das ist kein Unglück; nach der ganzen Lage der Dinge ist es der Schule nicht möglich, ein bis ins einzelne minutiös ausgearbeitetes Gemälde zu ent- werfen. Es wäre gewiss sehr interessant und sehr belehrend, würde aber z. B. den Geschichtsunterricht mindestens auf ein halbes Jahr in Anspruch nehmen. Ich möchte für die Schule folgendes Schema einer gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Ein- teilung des römischen Volkes vorschlagen:

Gesellschaftlich: Wirtschaftlich: Politisch:

Adel Grossgrundbesitz optimates

Bourgeoisie Kapitalisten Gemässigte

(Handel) Kleinbauern Mittelstände(Volk) Kleinhandwerker populares ausserhalb Roms Lumpenproletariat Anarchosozialisten, Deklassierte, besond. nobiles Partei der persönl. Interessen

dazu noch Bundesgenossen und Sklaven.

Sind alle diese Gruppen nach ihrer wirtschaftlichen Lage, ihrer gesellschaftlichen Stellung und ihrem politischenProgramm soweit man von einem theoretischen Programm reden kann gebührend charakterisiert, so ergibt sich von selbst, welche praktisch-politischen Bestrebungen sie gehabt haben müssen. Hier kann man ver- einzelt auch die induktive Methode anwenden. So wird man auf die Frage:Welche Aenderung der bestehenden Verhältnisse wird nach dem bisher gesagten die Optimaten- partei erstreben? kaum eine andere Antwort bekommen als die im grossen und ganzen richtige:Gar keine. Ebenso ergibt sich von selbst auf die Frage:Auf welchem Ge- biet mussten die Ritter Aenderungen wünschen? die Antwort:Auf dem politischen. Dann wird gezeigt, worin die Macht jeder einzelnen Gruppe besteht. Der Adelist rein politisch so gut wie allmächtig, die wirtschaftliche Macht muss er mit der Bourgeoisie teilen, er ist teilweise sogar von ihr abhängig. Daraus erklärt sich dem Schüler die: schwankende Haltung der Ritter: ihr wirtschaftliches Interesse zieht sie auf die Seite derer, 5 die Macht besitzen, das politische auf die Seite derer, die die Macht erobern wollen.*

Die Machtstellung der nobilitas fusst auf dem Grundbesitz, sowie dem Zutritt zu den Aemtern und der Möglichkeit, sie auszubeuten, die der equites auf Kapital und Kredit, die der übrigen Stände auf der Zahl, die der Deklassierten und des Lumpen- proletariates auf der Tatsache, dass sie nichts zu verlieren haben.

Auf den Wert moderner Analoga habe ich des öfteren verwiesen. Doch müssen wir uns die Frage vorlegen, wie weit moderne politische, besonders parteipolitische Verhältnisse in diesem speziellen Fall zur Veranschaulichung herangezogen werden können, dürfen und müssen. Soll man z. B. um dem Schüler die Optimaten näher zu bringen, auf die heutigen Konservativen verweisen? Ich meine, es ist nicht zweckmässig, diese Frage ex cathedra zu entscheiden, sondern man mag sie ruhig dem Takt des einzelnen Lehrers überlassen. Sicher wird der inneren Anschauung recht kräftig dadurch nachge- holfen, dass man, um ein neues Bild dem Verständnis zu nähern, ein allgemein bekanntes anführt und auf die typisch wiederkehrenden Züge aufmerksam macht. Andererseits ist

*) Etwas ganz ähnliches sehen wir wie ich einem Artikel von Gustav Cohn imTag entnehme an der heutigen Börse; sie geht und muss gehen wirtschaftlich mit denSozialisten, politisch mit denMittelständen.