kennen, manche auch, die wir an unserer eigenen Zeit bemerken; deswegen braucht man die Unterschiede nicht zu übersehen. Wenn man die römische Revolutionszeit zur Be- sprechung gewisser Erscheinungen, die auch unsere Zeit aufweist benutzt, so hat man den doppelten Vorteil, dass es viel eher möglich ist, objektiv zu sein und objektiv zu scheinen. Beides ist nahezu unmöglich, wenn man Begriffe wie Kapitalismus usw. aus der modernen Geschichte erklären will. Man wird dabei unwillkürlich vom eigenen Partei- standpunkt beeinflusst und läuft selbst, wo das nicht der Fall ist, Gefahr, die Schüler in ihren Gefühlen zu verletzen. Der Schüler der oberen Klassen hat schon eine Summe von Urteilen, richtiger Vorurteilen, in denen er zur Tagespolitik und auch zu wirt-— schaftlichen Fragen Stellung nimmt. Meist steht er dabei stark unter dem Einfluss der wirtschaftlichen Daseinsbedingungen seines Vaterhauses. Der Sohn des Grossgrund- besitzers wird in der Regel konservativ, der Sohn des Kaufmanns liberal, der Sohn des industriellen Lohnarbeiters sozialdemokratisch schillern.
Der Schüler soll aber die typischen Erscheinungen des Wirtschaftslebens kennen lernen; soweit sie jedoch noch gegenwärtig wirksam sind, sind sie mit äusserster Vor-— sicht zu behandeln. Da kommt nun die Antike zu Hilfe, und gerade Sallust bietet reiches Material. Hier werden dem Schüler die Bilder des grossgrundbesitzenden Erb— und Aemteradels, der durch ihren Reichtum auch politisch mächtigen kapitalistischen Bour- geoisie, des putschsüchtigen Lumpenproletariates der Grosstadt, der deklassierten Mit- glieder der herrschenden Klassen, die sich an die Spitze der Bewegung des Lumpen- proletariates, des Anarchosozialismus stellen, u. a. aus der Vogelperspektive, aber doch klar und deutlich vorgeführt. Analoge Beispiele aus der Neuzeit, zumal der französischen Revolution, stehen in Hülle und Fülle zur Verfügung und beleuchten die antiken Ver- hältnisse blitzartig. Die Parallelen zur Gegenwart zu ziehen, wird kaum nötig sein. Der Schüler wird durch die Kenntnis der antiken Erscheinungen von selbst zum Nach- denken über die analogen modernen angeregt, und versteht er die einen, wird auch das Verständnis der anderen nicht lange ausbleiben. Wiederum erläutern sich Altertum und Gegenwart gegenseitig.
In der Regel wird Sallust auf der Schule gelesen, bevor die römische Revolution in der Schule durchgenommen worden ist. Deshalb ist nach Erledigung der sonstigen Vorbemerkungen— Leben des Schriftstellers usw.— eine eingehende historische Ein— leitung zu geben.
Ich möchte gerade hierauf etwas näher eingehen, um eine Probe zu geben, wie ich mir die Sache praktisch denke, und an einem schlagenden Beispiel darzutun, wie nützlich und notwendig einesteils wirtschaftliche Erläuterungen für den altsprachlichen Unterricht sind, wie fruchtbar und wertvoll andererseits gerade der altsprachliche Unterricht für die Erziehung zum Verständnis wirtschaftlicher Fragen ist. Ich wähle das bellum Catilinae, weil dieses für unsere Zwecke noch geeigneter ist als das bellum Jugurthinum, obwohl auch dies ohne Kenntnis der sozialen Zustände in Rom nicht verständlich ist.
Der Stoff ist den Schülern nicht ganz neu; er ist bereits in der Quarta durchge— nommen worden. Daher kann man den Schülern zur Vorbereitung aufgeben, die Zahlen der Revolutionszeit zu wiederholen. Diese sind in Quarta— meist wohl aus einem Kanon— auswendig gelernt und von da ab vermutlich regelmässig wiederholt worden — wenigstens sollte es so sein. An diese Vorbereitung schliesst sich die Darbietung an.
Sie erfolgt natürlich im grossen und ganzen auf deduktivem Weg, das heisst durch den Vortrag des Lehrers. Zunächst werden die Verhältnisse dargelegt, aus denen die römische Revolution hervorgegangen ist; es wird dem Schüler gezeigt, wie das römische Volk vor Ausbruch der Wirren wirtschaftlich, gesellschaftlich und politisch gegliedert war. Er sieht, wie die gesellschaftliche und die politische Gliederung sich hauptsächlich nach der wirtschaftlichen richten, wie andererseits auch die gesellschaftlichen und politischen Ver-


