Aufsatz 
Wirtschaftliches im altsprachlichen Unterricht / von Dr. P. Schott
Entstehung
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2.

gerade entgegen gesetzt ist. Aber auch was von dem Lehrer selbst verlangt wird, geht an die Grenze des Menschenmöglichen. Auf keinem andern Gebiet ist die Forderung der Voraussetzungslosigkeit so schwer zu erfüllen wie auf diesem. Der Lehrer steht doch auch im Kampf der Parteien, wie es sein gutes Recht als Bürger ist. Wie leicht fliessen da eigene politische Meinungen und Stimmungen ein, die die Objektivität des Bildes trüben! Gewiss ist es eine Aufgabe der Schule, Gesinnung und Charakter zu bilden; aber es ist nicht die einzige: die Schule hat auch Kenntnisse zu vermitteln und zum Ver- ständnis zu erziehen. Der Lehrer erzieht nicht nur, er belehrt auch.

Dieser Teil seiner Aufgabe der didaktische tritt hier schon deshalb ih den Vordergrund, weil ich den neutralen Boden der Wissenschaftlichkeit nicht verlassen will und auf jede politische Polemik verzichten möchte. Es ist aber kaum möglich, derHexe Politik bei einer andern Behandlung zu entgehen.

Die didaktische Aufgabe des Lehrers mag man etwa folgendermassen bestimmen: Dem Schüler ist ein Mindestmass von Kenntnissen aus den Bildungsinhalten, die die all- gemeine Bildung seiner Zeit ausmachen, beizubringen. Diese Bildungsinhalte wandeln sich im Wandel der Zeiten. Vor hundert Jahren war die Philosophie, die Frage nach dem Grund alles Seins, die Auffassung von Gott, Welt und Mensch ein wesentlicher Bestand- teil der allgemeinen Bildung; heute ist sie das nicht mehr. Das mag man bedauern, aber man wird es nicht leugnen können, und ändern auch nicht. Heute spielt die National- ökonomie eine ähnliche Rolle wie einst die Philosophie. Die wirtschaftlichen Probleme, dieSsoziale Frage stehen im Mittelpunkte des allgemeinen Interesses; wer nicht ein gewisses Mindestmass von nationalökonomischen Kenntnissen, ein gewisses Verständnis für die Probleme, die für die Gegenwart am wichtigsten sind, die wirtschaftlichen Probleme besitzt, kann nicht den Anspruch erheben, fürallgemein gebildet zu gelten.

Erfüllt nun die Schule die Pflicht, ihren Schülern auch auf diesem Gebiet allgemeine Bildung mitzugeben? Sind diejenigen, die unsere höheren Schulen durchgemacht haben, unseregebildeten Klassen, auch auf diesem Gebiet wirklichgebildet? Die Frage stellen heisst sie verneinen. Jeder, der auf diesem Gebiete Erfahrungen gesammelt hat wird mir zustimmen, wenn ich sage, dass unsereGebildeten auf diesem Gebiet haar- sträubend ungebildet sind. Ich habe in zwei Wahlkämpfen erlebt, wie humanistisch und akademischgebildete Leute oft in der Kenntnis der einfachsten wirtschaftlichen Tatsachen sich vonungebildeten industriellen Lohnarbeitern übertreffen liessen. Man mag über die Sozialdemokratie denken, wie man will; man wird ihr nicht bestreiten können, dass sie ihren Jüngern neben einem Wust von Dogmen auch recht achtbare positive Kenntnisse vermittelt, und nicht immer nur in der einseitigen Färbung des orthodoxen Marxismus. Arbeiter, zu denen ich bei Wahlen als Schlepper kam, traten mir mit einer Fülle von Tatsachen, die mich verblüfften, und auch mit einer gewissen Logik entgegen. Anderer- seits liessen bürgerliche Redner vielfach die Kenntnis der einfachsten wirtschaftlichen Dinge vermissen; so konnten die sozialdemokratischen Gegenredner ohne Mühe mit ihnen fertig werden. Zwischen 1903 und 1907 hat sich immerhin anscheinend eine kleine Besserung vollzogen; die Generation, die zwischen 1903 und 1907 ins politische Leben eingetreten ist, scheint also von der Schule mit ökonomischem Wissen besser ausgerüstet worden zu sein als manche frühere.*) Aber noch bleibt Arbeit genug!

Die Schule muss auch die Entwicklung der Wissenschaft berücksichtigen, und neuer- dings ist in der Geschichtswissenschaft dem Geist der Zeit entsprechend die ökonomische Betrachtungsweise stark in den Vordergrund getreten. Freilich ist daran festzuhalten, dass im Geschichtsunterricht der Schule aus pädagogischen Gründen das Kriegsgeschichtliche, vor allem aber die bedeutende Persönlichkeit mehr Beachtung finden darf und muss, als wissenschaftlich gerechtfertigt ist.

*) Geschrieben vor Beginn der Agitation fär die diesjährigen Wahlen.