Aufsatz 
Ueber die kulturgeschichtliche Bedeutung der älteren religiös-ethischen Dichtungen : in der deutschen Literatur / von F. Schönfeld
Entstehung
Einzelbild herunterladen

38

höherem Maß dem Bedürfniß einer lebendigen Betheiligung an dem, was Herz und Sinn Aller bewegte, entſprach, als diejenigen religiöſen Handlungen, bei denen nach kirchlicher Ordnung eine ſolche umfaſſende Betheiligung des Volks ausdrücklich ausgeſchloſſen war.

Mögen daher anfangs dieſe Spiele in der Hand der Kirche zunächſt einem pädagogiſchen Zweck gedient haben, indem ſie religiöſes Erkennen und religiöſe Bildung durch ſinnliche Anſchauung förderten, ſo wurden nach Erreichung dieſes Zwecks dieſelben im Laufe der Zeit immer mehr Eigenthum des Volkes ſelbſt, und zwar in ſo ausgedehnter Weiſe, daß dieſelben zuletzt als Gebilde des geſammten Volksbewußtſeins zugleich auch wieder Bildner und Förderer religiöſen Glaubens und Lebens in allen Kreiſen des Volkes wurden.

Zwar blieben in der Folge, wie angedeutet, die Spiele nicht auf bloſe Darſtellung rein bibliſcher Thatſachen und religiöſer Gedanken beſchränkt, auch die Wirklichkeit, ja Alltäglichkeit konnte nicht ausge⸗ ſchloſſen bleiben, um ſo weniger, da das Geiſtige grade auf dem Boden des wirklichen Lebens vermittelt werden ſollte; aber auch die Behandlung, welche die mehr äußeren Lebenserſcheinungen in den ſogenannten Zwiſchenſpielen erfuhren, bekunden eine edle Auffaſſung derſelben und beweiſen ein feines Verſtändniß für Alles, was auch nach dieſer Seite hin das Religiöſe fördern konnte. Daraus erklärt es ſich denn auch, daß in Deutſchland, wo man den Ernſt des Cultus nicht ſtören, ſondern vielmehr erhöhen und auf die Gemüther noch wirkſamer machen wollte, der Zuſammenhang dieſer Spiele mit der Kirche und ihren Ord⸗ nungen länger erhalten blieb, als in den romaniſchen Ländern, wo durch eine immer größere Geltend⸗ machung der Komik eine beſtimmte Sonderung des Theaters von der Kirche ſchon frühe nothwendig ein⸗ treten mußte. In Deutſchland bewahrten die eigentlichen Weihnachts⸗ und Oſterſpiele noch lange den rein geiſtlichen und kirchlichen Charakter und genügten in ihrer erhabenen Einfachheit dem frommen Sinne des Volks, ja die Marienklagen mit ihrer tiefeingreifenden Wirkung auf das Gemüth erhielten ſich ſelbſt in ihrer urſprünglichen rein dialogiſchen Form bis ins 15. Jahrhundert. In Frankreich wurden dagegen die Myſterien ſchon ſehr frühe, unterſtützt durch die Pracht der Dekorationen, zu prunkvollen Schauſtücken, zu deren Aufführung beſondere Geſellſchaften, Paſſionsbrüderſchaften, durch Privilegien und eigens dazu über⸗ laſſene Gebäude berechtigt waren.¹) In erhöhtem Maß dienten in der Folge dieſem Zweck reiner Schauluſt die Mirakelſtücke und Moralitäten,) die als dramatiſirte Legenden und Wundergeſchichten, oder als Perſoni⸗ ficationen des Kampfs der Tugend mit dem Laſter der Komik ſchon bedeutende Vorrechte einräumten, welche dann in den Fargen, Sotties, Parades und diableries zum vollen Durchbruch kam. Allerdings iſt dabei nicht zu verkennen, daß durch dieſes Freiwerden von der Kirche die dramatiſche Kunſt in Frankreich raſcher zur Selbſtändigkeit vorſchreiten konnte, als auf deutſchem Boden, wo ſie trotz einzelner weltlicher Ein⸗ miſchung den kirchlichen Charakter im Ganzen noch vollkommen bewahrte.

Erſt mit dem allgemeinen Sinken des kirchlichen Lebens beginnt auch in Deutſchland der Verfall der kirchlichen Spiele. Lange Zeit hindurch hatten dieſelben, ihrem urſprünglichen Zweck der Belehrung und Erbauung entſprechend, den wohlthätigſten Einfluß auf die religiöſe Erziehung des Volks gehabt, ja man kann in denſelben ſogar ein hervorragendes Bildungsmittel erkennen, ohne welches das deutſche Volk wohl kaum eine ſo praktiſche Unterweiſung und eine ſo tiefgehende, gründliche Belehrung über den weſent⸗ lichen Inhalt der Bibel und über die Hauptwahrheiten des chriſtlichen Glaubens erhalten hätte, wie ſie zur ſpäteren Aufnahme und zum Verſtändniß der reformatoriſchen Ideen nothwendig waren. Zu Ende des Mittelalters, ſagt Wilken in ſeiner Geſchichte der geiſtlichen Spiele, konnte das zuſchauende Volk aus den mehrtägigen Spielaufführungen ſich mehr bibliſches Chriſtenthum entnehmen, als aus dem ganzen übrigen römiſch⸗katholiſchen Cultus.

Die Ausſchreitungen der Hierarchie auf allen Gebieten des religiöſen und nationalen Lebens rief in den edelſten Geiſtern der Nation einen immer ſtärker hervortretenden Widerſpruch gegen die Lehren und

¹) Vergl. Haſe, das geiſtliche Schauſpiel. S. 33. ²) Ebenda. S. 42.