Aufsatz 
Ueber die kulturgeschichtliche Bedeutung der älteren religiös-ethischen Dichtungen : in der deutschen Literatur / von F. Schönfeld
Entstehung
Einzelbild herunterladen

39

Satzungen der Kirche hervor, und die Recht und Sitte verletzende Entartung einer ſolchen Hierarchie ver⸗ ſchuldete auch die Lockerung des Jahrhunderte lang beſtandenen engen Zuſammenhangs des Volkslebens mit dem Kirchenleben. Dieſe gegenſeitige Entfremdung veränderte natürlich auch die Stellung der geiſt⸗ lichen Spiele der Kirche gegenüber. Dieſelben verloren dadurch ihren kirchlichen Charakter, und wenn ſie auch dem damaligen Volksleben noch einige Zeit erhalten blieben, ſo benutzte man jetzt die Bühne als das geeignetſte Mittel, um der weitverbreiteten Oppoſition gegen Clerus und Kirche auch in den Kreiſen Eingang zu verſchaffen, die durch belehrende und ſatiriſche Schriften nicht zu erreichen waren.

So ſehen wir im Laufe der Jahrhunderte alle Gattungen der Poeſie im Dienſte der höchſten religiöſen Idee. Das chriſtliche Lied war von jeher der lauterſte und unmittelbarſte Ausdruck religiöſer Empfindung und tiefer Gemüthsinnigkeit, und allezeit pries das chriſtliche Herz die Herrlichkeit und Gnade ſeines Gottes, die Hoheit und Liebe ſeines Heilandes in Pſalmen und Lobgeſängen und lieblichen geiſtlichen Liedern. Das Epos verherrlicht in den älteren Evangelienharmonieen die großen Thaten des herrlichſten Helden, der ſeine Mannen nach Kampf und Sieg zur Seligkeit heimführt, und ſingt im Parcival von der Treue Lohn nach ſittlich mannhaftem Streben. Das Drama endlich brachte eine lebendige Anſchauung der höchſten gött⸗ lichen Liebe,die das große Weltenräthſel gelöſt, indem durch ſie die unbeugſame Nothwendigkeit des Ge⸗ ſchehens ſich in eine göttliche, väterliche Regierung der Welt und der Geſchicke des einzelnen Menſchen verwandelt. Nachdem das mittelalterliche Drama aber mit der Einbuße ſeines kirchlichen Charakters und ſeiner urſprünglichen Beſtimmung auch ſeine Wirkung innerhalb der Gebiete religiöſen Lebens verloren hatte, trat nun das kirchliche Lied wieder an ſeine Stelle.

Die Reformation brachte dem deutſchen Gemüth wieder Alles, was in demſelben nach Gottes Rathſchluß wirken und leben ſoll, ſie löſte den Geiſtesbann, der bis dahin die edelſten Triebe gefeſſelt hatte, ſie brachte ihm auch das geiſtliche Lied als ſchönſte Blüthe eines neuen Geiſtes. Die poetiſche Stimmung des deutſchen Volks, als des ſubjektivſten unter allen Völkern, weil des innerlichſten und idealſten, iſt vorwiegend eine lyriſche; mehr oder weniger ſind die dichteriſchen Kunſtwerke ſcheinbar objektiver Art, wie die epiſchen und dramatiſchen Dichtungen, von dieſer lyriſchen Grundſtimmung durchzogen und ange⸗ haucht, und nichts konnte daher der rettenden That Luthers einen größeren Vorſchub leiſten, als die Lieder, in denen des Volkes Sehnſucht und Stimmung über ſeine innerſte, heiligſte Angelegenheit zum Ausdruck kam, und wodurch das Volk zu einem erhöhten Selbſtgefühl ſeiner wiedererrungenen Geiſtesfreiheit und Glaubensinnigkeit erhoben wurde. Was ſchon Otfried erſtrebte, daß nämlich Chriſtus in deutſcher Zunge geſungen und gelobt werde, was in den älteren Spielen und zwar grade in der edelſten und ergreifendſten Form derſelben ſich im Keime offenbart, und was ſchon vor der Reformation am lauteſten gewünſcht wurde, daß auch die Laien in der Kirche und nicht blos die Kleriker in den Chören ſingen möchten, das erfüllte endlich das evangeliſche Kirchenlied, wie es von Luther dem deutſchen Volk zuerſt gegeben wurde, und wie es ſich dann im Zeitalter der Reformation aus dem Quell lebendigen Glaubens und religiöſer Begeiſterung ſo mächtig in das deutſche Volksleben ergoß und alle edlen Kräfte des Volkes neu belebte. Als Ausdruck des innerlich erlebten und empfundenen Chriſtenthums wurde das geiſtliche Lied der Reformation mächtigſte Stütze, es eroberte dem evangeliſchen Glauben wie mit einem Schlage Städte und Länder, weil es dem lange zurückgehaltenen Drange des Volksgeiſtes das rechte Wort und der frommen Seelenſtimmung Tauſender den rechten Ton gab; und wenn die evangeliſche Kirche bei ihrem Entſtehen zur wahren Volkskirche wurde, ſo geſchah dies weſentlich durch die Hülfe der geiſtlichen Lyrik.

So wurde denn auch das evangeliſche Kirchenlied ein Zeugniß dafür, daß die in dem Chriſten⸗ thum ruhenden religiös⸗ſittlichen Kräfte überall und jederzeit, wo dieſelben in ihrer urſprünglichen Reinheit die Elemente des deutſchen Volkslebens durchziehen, dasſelbe zugleich zu einer Höhe erheben, welche jeden Auf⸗ ſchwung der Nation, die durch eine vorübergehende, noch ſo mächtige Bewegung herrührte, weit überragt. Wo dieſe geiſtigen Kräfte Eingang fanden und wirkſam waren, da verklärten und erhellten ſie alle Gebiete