Aufsatz 
Ueber die kulturgeschichtliche Bedeutung der älteren religiös-ethischen Dichtungen : in der deutschen Literatur / von F. Schönfeld
Entstehung
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liturgiſchen Schranken, wie der Rückſicht auf den Ort und die Darſteller, der Uebergang zur völligen Ver⸗ weltlichung des geiſtlichen Schauſpiels gegeben war.

Wie die Kirche alſo ſchon frühe darauf bedacht war, durch überaus glänzende Ausſtattung des Gottesdienſtes das Volk auf die Hoheit und Herrlichkeit des dadurch Verehrten hinzuweiſen und dadurch in ihm das Verſtändniß des Ueberſinnlichen zu fördern, ſo gebrauchte ſie auch die geiſtlichen Spiele dazu, an den hohen Feſten die wichtigſten Thatſachen der heiligen Geſchichte und vor allem die Offenbarung der göttlichen Liebe, wie ſie dem Chriſten in dem Leben und Sterben ſeines Heilands zur Erſcheinung kommt, zu lebendigſter Anſchauung zu bringen. Es war zwar bei der Neigung der abendländiſchen Kirche zu ſolch' ſinnlich lebendigen Darſtellungen und bei ihrem Streben, dadurch auf mehr äußerliche Art die höheren Ideale des Geiſtes anzueignen, die Gefahr mancher Verirrung einer leicht ausſchweifenden Phantaſie nicht ausgeſchloſſen, wie ſich dies beſonders in der Entwicklung und Ausbildung der Myſterien innerhalb der romaniſchen Länder, vor allem in Frankreich, nachweiſen läßt; doch das deutſche Volk hatte den beſten Schutz gegen ſolche Ausſchreitungen in ſeinem geſunden Sinn für alles wahrhaft Religiöſe und beſonders für die im Weſen des Menſchen ſelbſt begründeten tieferen Wahrheiten der chriſtlichen Religion. Wo und auf welche Weiſe daher dieſelben in die Erſcheinung traten, ſei es im Epos, Lied, Bild oder wie jetzt durch die geiſtlichen Spiele in dramatiſch belebter Handlung, da fanden ſie Anklang in dem Gemüth des Volks, beſonders zu einer Zeit, wo demſelben noch jede Oppoſition gegen Lehren und Einrichtungen der Kirche fern lagen, wo vielmehr des Volkes Leben faſt ganz in das Leben der Kirche aufgegangen war, und wo es grade in ſolcher vollen Hingabe des äußern und innern Lebens an das Religiöſe ſeine höchſte Be⸗ friedigung fand. Den geiſtlichen Spielen, d. h. dem durch dieſelben zur Darſtellung gebrachten religiöſen Inhalt trug demnach das Volk Verſtändniß und volles Intreſſe entgegen, undes verlangte daher von demſelben nichts mehr und nichts weniger, als daß es für die heiligen Geſtalten ſeiner Phantaſie ſinnlich lebendige Erſcheinungen und für ſeine religiöſen Ideen ein Gefäß erhalte.¹) Es ſuchte in dieſen Spielen Erbauung für ſein religiöſes Gemüth, Belehrung und Stärkung für ſeinen Glauben und herrliche Vor⸗ bilder für ſein Leben, und jemehr es dieſe Elemente in den durch die Herrſchaft der lateiniſchen Sprache ihnen unverſtändlich gebliebenen gottesdienſtlichen Handlungen vermißte, um ſo anſprechender mußten dieſe Spiele für das Volk ſein, das damals ſo gern das Religiöſe auch in das wirkliche Leben hinübertrug. Wie im Heliand Chriſtus und die übrigen Perſonen der heiligen Geſchichte gleichſam zu lebendigen Per⸗ ſönlichkeiten des damaligen Volkslebens wurden, denen nichts Fremdes, dem Volke Unverſtändliches anhaftete, ſo nahmen jetzt auch wieder in dieſen Spielen, wie ſie ſich auf deutſchem Boden entwickelten, die Perſonen, Verhältniſſe, Begebenheiten der heiligen Geſchichte und ſpäter auch der Legende eine ſolche Geſtalt an, die, man kann wohl ſagen, durchaus national und rein deutſch war; vor allem wurde die Perſon Chriſti ſelbſt in Wort und That dadurch von allen fremden Beziehungen losgelöſt und auf deutſchen Boden geſtellt. Das Volk hatte den Heiland gleichſam mitten unter ſich wirkend und leidend, aber endlich über Hölle und Tod ſiegend, und grade dadurch, daß es den Herrn, bet all ſeiner göttlichen Hoheit, die er im Glauben des deutſchen Volkes beſaß, ſich menſchlich nahe brachte, wurde es möglich, trotz der beſchränkten äußeren Mittel, die höchſten religiöſen Ideale, die Leben, Leiden, Sterben und Auferſtehen Chriſti in ſich ſchließen, in verhältnißmäßig vollkommner Weiſe zur dramatiſchen Darſtellung zu bringen. Jedem tendenziöſen Zweck anfangs fern und weder einen beſtimmten didaktiſchen oder ſatiriſchen Charakter an ſich tragend, bringen dieſe Spiele vielmehr in ihrer urſprünglichen Faſſung die Geſchichte der Erlöſung ſo zur Anſchauung, wie das deutſche Gemüth dieſelbe in ſich aufgenommen hatte und wie dasſelbe vollkommen davon bewegt und ergriffen war, und wenn das Volk in früherer Zeit ſeine Freude und Theilnahme an der Heilsbotſchaft, ſein Hingegebenſein an die hohen chriſtlichen Ideen nur in einfachen Sequenzen und immer wiederkehrenden Leiſen zum Ausdruck bringen konnte, ſo bilden jetzt dieſe Spiele eine Seite des Volkslebens, die in viel

¹) Reidt.§. 41.