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religiöſer Erbauung und Belehrung von Geiſtlichen gepflegt und von ihnen auch vorwiegend zur Darſtellung gebracht wurden, hielt ſich die Handlung, wenn auch durch eine Menge Nebenhandlungen erweitert, doch im Ganzen an die Bibel oder in der Heiligengeſchichte an die Tradition. Weltliche Stoffe oder gar ſatiriſch⸗polemiſche Nebenzwecke waren bei dieſen älteren Stücken noch ausgeſchloſſen. Erſt aus dem Be⸗ dürfniß, durch Nachahmung des wirklichen Lebens mit ſeinem mannigfachen Wechſel von Freud' und Leid, Scherz und Ernſt die bibliſchen Geſchichten und die darin zum Ausdruck gebrachten religiöſen Ideen in das Volksleben einzuführen, entſtanden in dieſen erweiterten geiſtlichen Spielen die nun mehrfach einge⸗ ſchobenen, einzelnen komiſchen Züge, die daher immer noch von jeder Abſicht einer ſpaßhaften Ergötzung des um der Unterhaltung willen zuſchauenden Publikums freizuſprechen ſind. Manche dieſer Zwiſchenſpiele ſtehen vielmehr in innigem Zuſammenhang mit den behandelten religiöſen Stoffen, ſo die Scenen im Alsfelder Spiel,¹) welche die Eitelkeit und Weltluſt der Maria Magdalena zum Gegenſtand haben, oder ſolche Scenen, in denen die mancherlei Gebrechen jener Zeit verſpottet und gegeiſelt werden, wie z. B. im Redentyner ²) Spiel, wo in den als deutſche Ritter auftretenden Grabeshütern die Prahlerei und ſchnöde Habſucht des damals ſchon tiefgeſunkenen Ritterthums verſpottet wird. Auch die ſogenannten Teufels⸗ ſcenen, in denen ſich neben dem komiſchen Element zugleich der hochheiligſte Ernſt offenbart, ſind ſo voll⸗ ſtändig„in das Syſtem der geiſtlichen Spiele eingefügt und in den Gang der Handlung ſo innig verwebt, daß mancher mit Weglaſſung dieſer Scenen entweder der planvolle Zuſammenhang, oder der rechte Ab⸗ ſchluß fehlen würde“. In dieſen Scenen ſoll nämlich der fortgeſetzte Kampf des Böſen gegen das Er⸗ löſungswerk Chriſti zur Darſtellung kommen.„Dasſelbe bot inſofern ein komiſches Element dar, weil es von Haus aus die in ſich haltloſe Nullität iſt, welche umſonſt die in dem göttlichen Willen gegründete Weltordnung zu vernichten ſtrebt und als ein Produkt der ſelbſtſüchtigen Willkür mit aller Aufſpreizung ſeiner infernalen Macht doch nur ſeine Selbſtverrichtung zum Reſultat gewinnt. In ſeiner Geneſis nicht tragiſch, ſondern traurig und düſter, wird es in ſeinem Ausgang durch den in ihm liegenden Selbſtwider⸗ ſpruch lächerlich“.¹) So zeigen denn auch dieſe Scenen überall des Teufels Machtloſigkeit gegenüber den durch Gottes Gnade erlöſten Gläubigen und Bußffertigen, aber auch zugleich des Böſen Eifer, womit er ſeinen Verluſt an Seelen, den ihm Chriſtus durch ſeinen Sieg über die Hölle beigebracht hat, wieder zu erſetzen ſucht durch fortgeſetzte Verführung Unbußfertiger. Indem alſo dieſe komiſchen Scenen dazu benutzt werden, die Gebrechen der verſchiedenen Stände in der Weiſe zu geiſeln, daß die verſchiedenen Repräſen⸗ tanten der höchſten, wie der niederſten Stände„als für die Hölle reif“ dem Fürſten derſelben von ſeinen Dienern vorgeführt werden,“) ſo iſt nicht zu verkennen, daß auch dieſe geiſtlichen Spiele dazu dienten, den Schäden des öffentlichen Lebens, wie ſie immer allgemeiner zu Tage treten, durch lebendige Satire zu be⸗ gegnen, und von der gewaltigen Wirkung derſelben auf Hohe und Niedere wird mehrfach berichtet.) — Doch erhielten dieſe Spiele dadurch auch zugleich eine Umwandlung, die eine Sonderung von der Kirche immer mehr nothwendig machte, theils weil die Komik derſelben mit dem hohen Ernſt des Cultus über⸗ haupt im Widerſpruch ſtand, theils weil dieſelbe Satire, welche die weltlichen Stände nicht ſchonte, ſich auch rückſichtslos gegen das Verderben innerhalb kirchlicher Kreiſe wendet, und wenn deutſche Art ſich auch von Frivolitäten fern hielt, welche das franzöſiſche geiſtliche Spiel damals ſchon vollſtändig überwucherten, ſo trat doch auch hier das religiöſe Element immer mehr in den Hintergrund, und als in dem ſchauluſtigen Publikum, das nun in dem Spiel vorwiegend nur Unterhaltung ſuchte, das Intereſſe an dieſen komiſchen und ſatiriſchen Zuthaten überwog, ſo war es natürlich, daß endlich mit dem Wegfall der kirchlichen und
¹) Wilken. S. 110.
²) Wilken. S. 101.
³) Vergl. Roſenkranz, die Poeſie und ihre Geſchichte S. 500.
⁴) Reidt.§. 33.
⁵³) Wilken. S. 153 ff. und Haſe, das geiſtliche Schauſpiel. S. 51.


