Aufsatz 
Ueber die kulturgeschichtliche Bedeutung der älteren religiös-ethischen Dichtungen : in der deutschen Literatur / von F. Schönfeld
Entstehung
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ſpotten, und die unbefangen kindliche Art des Mittelatters die einzig zuläſſige bleiben; der Stoff wirkt dabei nur durch ſich ſelbſt.

Die wenigen, ſchon frühe vorkommenden Spuren von mimiſchen, oft ſchon mit Dialog und Geſang verbundenen Darſtellungen, die urſprünglich mit altheidniſchen Feſten, Spielen und Aufzügen zuſammen⸗ hingen, verſchwanden mit der Herrſchaft des Chriſtenthums entweder vollſtändig, oder verloren allmählich die Beziehungen zu heidniſchen Gebräuchen, wurden mit den Geſchichten, die die Kirche als Heilsthatſachen verkündet, verbunden und gingen zuletzt ganz darin auf. Die aus ſolchen Keimen ſich entwickelnde dramatiſche Poeſie lehnte ſich an die Forderungen des kirchlichen Lebens, beſonders an den reichen Cultus mit ſeinen mannigfachen dramatiſchen Elementen, an den Ritus der chriſtlichen Feſte mit ihren Aufzügen innerhalb und außerhalb der Kirche an und ſuchte demnach die Feier dieſer Feſte und den Glanz des chriſtlichen Cultus überhaupt zu erhöhen, vor allem aber auch deſſen tiefere Bedeutung den Laien zu ver⸗ ſinnlichen. Um daher den liturgiſchen Handlungen ein mehr plaſtiſches, veranſchaulichendes Gepräge zu geben, wurden die für die kirchlichen Feſte beſtimmten bibliſchen Berichte durch erläuternde Zuſätze in ge⸗ bundener Rede zu dramatiſchen Geſängen erweitert, und die Ceremonien, wodurch jene Feſte noch beſonders ausgeſchmückt wurden, gaben Veranlaſſung, dieſe Geſänge mit einfach mimiſchen Darſtellungen zu verbinden, womit der Uebergang zu lebendiger theatraliſcher Aufführung ſchon angebahnt war.

Waren alle dieſe Erweiterungen anfangs noch im ſtrengſten kirchlichen Stil gehalten und im An⸗ ſchluß an die römiſche Liturgie nur lateiniſch abgefaßt, ſo machte ſich doch bald das Bedürfniß einer Ab⸗ faſſung in deutſcher Sprache geltend, umſomehr, da man von Seiten der Kirche immer mehr die Bedeutung dieſer Spiele für die religiöſe Erziehung und Belehrung des Volks erkannte, und es erklärt ſich daraus die außerordentliche Verbreitung derſelben und die immer mehr ausgedehnte Dramatiſirung nicht blos der bibliſchen Geſchichte, ſondern auch der Begebenheiten der Legende und unter den letzteren beſonders der⸗ jenigen, welche das Leben der Jungfrau Maria verherrlichten; wie ſeither ſchon eine Menge einfacher Marienlieder in die Liturgie aufgenommen worden waren, ſo wurden jetzt die urſprünglich in lyriſcher, oder erzählender Form abgefaßten ſogenannten Marienklagen als einfacher Dialog zwiſchen der klagenden Maria und Johannes beim Gottesdienſt benutzt.) Die Form der Klage findet ſich ja ſchon in den alten epiſchen Geſängen und zwar als Ausdruck der perſönlichen Empfindung nach den epiſch gehaltenen Er⸗ zählungen, die mit dem Untergang eines Helden oder eines ganzen Heldengeſchlechts abgeſchloſſen hatten. Wie nun das deutſche Gemüth in heidniſcher Zeit ergriffen wurde bei der Erzählung des Untergangs ſeiner Helden, ſo mußte natürlich nach dem Bekanntwerden mit dem Myſterium des chriſtlichen Glaubens vor allem das Leiden und Sterben des Herrn in dem religiöſen Gemüthe des deutſchen Volks einen tiefen Eindruck zurücklaſſen, und wie in alten Heldenliedern die Klage ſich anſchließt, ſo erſchallt in der Kirche beſonders in der Leidenswoche die Klage um den Tod des Gekreuzigten.²) Auch ſpäter blieben die Lamen⸗ tationen ein weſentlicher Beſtandtheil der größeren Paſſionsſpiele, und was denſelben an eigentlich drama⸗ tiſcher Kunſt abgehen mag, das erſetzen ſie reichlich durch ihre lyriſche Innigkeit, ſo daß das Urtheil be⸗ rechtigt iſt,daß die geſammte Poeſie des Mittelalters kaum etwas Tieferes und Exgreifenderes beſitzt, als dieſe Marienklagen. In der Folge erfuhren dieſe einfachen Beſtandtheile der älteren geiſtlichen Spiele bedeutende Erweiterungen durch Heranziehung der altteſtamentlichen Stücke und der apokryphiſchen Evan⸗ gelien, welche im Zeitalter der Scholaſtik ſymboliſch behandelt und in der Form von gelehrten Disputationen mit Juden und Heiden und von Streitgeſängen zwiſchen einzelnen Parteien in dogmatiſchem Intereſſe aus⸗ genutzt wurden.*) So lange dieſe älteren Spiele in ihrer einfachen oder erweiterten Form zu dem Zweck

¹) Vergl. E. Wilken, Geſchichte der geiſtlichen Spiele in Deutſchland, S. 72 81, und Mone, Schauſpiele des Mittel⸗ alters. I. 198 ff.

²) Vergl. H. Reidt, das geiſtliche Schauſpiel des Mittelalters.§. 14.

³) Vergl. Reidt,§. 10, 11.

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