Aufsatz 
Ueber die kulturgeschichtliche Bedeutung der älteren religiös-ethischen Dichtungen : in der deutschen Literatur / von F. Schönfeld
Entstehung
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und Didaktiſchen ihre Pflege angedeihen ließen, verdrängte vollſtändig die Stoffe, aus welchen in der beſten Zeit der mittelhochdeutſchen Dichtkunſt die vollendetſten Werke hervorgegangen waren; und wo dieſer Realismus zuletzt noch von einer Gelehrſamkeit beeinflußt wurde, die das Volk und ſeine Sprache miß⸗ achtete, da ſchwand auch bald die letzte Spur aller Poeſie. Vilmar konnte daher von einer ſolchen Zeit ſagen: Es iſt ein weites Gefilde voll wild durcheinander geworfener Trümmer ehemaliger Größe und Herrlichkeit, und je weiter wir vordringen in dieſes Gebiet der Zerſtörung, deſto öder werden die Felder, deſto kahler die Berge, auf denen jene Trümmer umhergeſtreut ſind, deſto trüber und dunkler wird der Himmel, welcher über dieſem Graus der Verödung ſich ausbreitet; kaum daß ſich noch hie und da an die alten, zerfallenen Mauern ein einſames Hüttchen angebaut hat, in welchem die Sage von einer verſchwun⸗ denen, beſſeren Zeit in leiſen Klagelauten erzählt und die Hoffnung auf eine glücklichere Zukunft ſtill ge⸗ pflegt wird für die kommenden Geſchlechter.

Und dennoch ſollte auch in dieſer Zeit des Verfalls eine Gattung der Poeſie eine beſondere Pflege finden, um, wie früher das Epos, nun an deſſen Stelle Trägerin des religiös⸗ſittlichen Gedankens zu werden nämlich das Drama.

Wie die kultur⸗hiſtoriſche Bedeutung des griechiſchen Dramas zurückzuführen iſt auf den religiöſen Urſprung und die dadurch bedingte ideale Tendenz desſelben, ſo erhält auch das deutſche Drama ſeine erſte Entwicklung und Bedeutung durch den Anſchluß an die höchſte, religiös⸗ſittliche Idee des Chriſten⸗ thums. Roſenkranz weiſt in ſeinerGeſchichte der Poeſie ausdrücklich darauf hin, wie das Drama der chriſtlichen Welt nicht von den epiſchen Ueberlieferungen der Stammesgeſchichte und Heldenſage des Volks ausging, ſondern einzig und allein von der Geſchichte Chriſti und der Apoſtel, aus welcher allein der hohe Standpunkt genommen werden konnte, den es durch ſeine tiefere Erfaſſung der Freiheit in geiſtiger Be⸗ ziehung vor dem antiken Drama voraus hat.Die Freiheit iſt in der chriſtlichen Religion ſich als aller Wahrheit gewiß geworden; ſie weiß, daß ſie ſelber es iſt, welche das Böſe als ihre Selbſtvernichtung her⸗ vorbringt, und ſie weiß, daß dieſe als eine nicht ſein ſollende durch ſie ſelber wieder aufgehoben werden muß. Die Entzweiung der Freiheit mit ſich ſelber durch das Böſe muß durch ſie zur Verſöhnung mit ſich in dem ſelbſtbewußten Willen des Guten aufgelöſt werden. Das Böſe iſt daher das eigentliche Myſterium der chriſtlichen Welt, ja des Univerſums überhaupt. Es iſt die Schöpfung des menſchlichen Willens, der ſich von ſeiner urſprünglichen Einheit mit dem göttlichen losgeriſſen hat. Weil aber der göttliche Wille der Wille an und für ſich iſt, ſo iſt das Böſe, obwohl es ein empiriſches Daſein gewinnt, von vornherein als ein in ſich ſelbſt nichtiges verurtheilt. Es vermag trotz aller Anſtrengung ſich nicht zu halten, und die Gewißheit der Erlöſung von ihm durch die Wiedereinheit des menſchlichen Willens mit dem göttlichen durchdringt daher die chriſtliche Welt mit dem Gefühl abſoluter Siegesfreudigkeit. Die Entſtehung des Böſen, die Entzweiung des Menſchen durch dasſelbe mit Gott, die Verſöhnung des Menſchen mit Gott durch den Gottmenſchen wurden daher der weſentliche Inhalt auch der chriſtlichen Poeſie und mußte ſich auch als das abſolute Weltdrama geſtalten.) Die Erlöſung, die durch höchſte Liebe vollbrachte Zurückführung des Menſchen zur Freiheit der Kindſchaft Gottes iſt demnach höchſter dramatiſcher Gegen⸗ ſtand, und wenn daher die geiſtlichen Schauſpiele des Mittelalters gleich bei ihrem Entſtehen dieſe Idee erfaßten und zu lebendiger Anſchauung zu bringen ſuchten, ſo haben ſie ſich damit eine hohe Aufgabe ge⸗ ſtellt, und je mehr die durch dieſe Spiele verſuchte Verſinnlichung jener chriſtlichen Idee ausgeprägt wurde, um ſo höher iſt die kultur⸗hiſtoriſche Bedeutung derſelben überhaupt anzuſchlagen. Alle andern Stoffe, be⸗ merkt Devrient,) werden immer nur Abſchattungen dieſes Einen, kleine Münze aus dem unermeßlichen Schatze ſein; aber die Erhabenheit desſelben wird vielleicht auch immer der theatraliſchen Behandlung

¹) Vergl. K. Roſenkranz, die Poeſie und ihre Geſchichte. S. 500. ²) Geſchichte der deutſchen Schauſpielkunſt. I. S. 73.