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ſieht er in düſteren Farben; er beklagt ſolche Zuſtände, weil er darin eine Schädigung der nothwendigſten Grundlagen des geſammten Volkslebens erkennt; in einem herrlichen Gebet bittet er zum Schluß um Gottes⸗ und Selbſterkenntniß als die unverlierbarſten Güter in dieſem flüchtigen Leben.
Galten Freidanks ernſte Worte beſonders den höheren Ständen, ſo wendet ſich Hugo von Trim⸗ berg in ſeinen didaktiſchen Dichtungen vor allem an die mittleren und unteren Stände. Auf den durch Fleiß, Redlichkeit, Sparſamkeit und Frömmigkeit langſam und allmählich erſtarkenden Bürgerſtand ſetzt er ſeine Hoffnung, ihn ſieht er berufen, an die Stelle derjenigen Stände zu treten, die mit dem Verluſte alter Sitte und Tugend auch ihre höhere Ehrenſtelle im Volke eingebüßt hatten. So wird Hugo's„Renner“ ebenſo wie die andern in einem ähnlichen Kreis der Betrachtung ſich bewegenden didaktiſchen Werke jener Zeit zu einem Zeugniß für die vom Bürgerſtand ausgehende Reaktion gegen die Gebrechen der Zeit;„aber“, ſagt Grimm,„bei ihrem allzugroßen Haften an der Wirklichkeit binden ſie der Poeſie die Flügel und nöthigen ſie auf einen Weg, den ſie ungern wandelt. Man hat, wenn man ihre Gedichte lieſt, ſchon ein Vorgefühl von der Bleiſchwere, die in allmählicher Zunahme endlich bei den ſpäteren Meiſterſängern die Poeſie gänzlich erdrückte.“— In all dieſen Dichtungen offenbart ſich demnach ein neuer Geiſt, der bei klarem Einblick in die Gegenwart und bei immer ſchärferer Kritik den herrſchenden Zuſtänden gegenüber dieſelben in ihren Schäden, Unvollkommenheiten und Gebrechen aller Art erkennt und auch ſchon anfängt, diejenigen Stände und Genoſſenſchaften geiſtlicher und weltlicher Tendenz, denen früher die Führerſchaft der Nation zukam, nicht mehr in ihrer ſeither unbeſtrittenen Stellung als vollkommen maßgebend anzuſehen. Wenn noch Wolfram von Eſchenbach den ritterlichen Ständen ihren hohen Beruf durch geiſtige Vertiefung derſelben zu ſichern und zu befeſtigen ſuchte, ſo läßt dagegen das harte Urtheil dieſer letzteren Dichtungen über Fürſten und Adel, die Klage über deren vaterlandsloſe Geſinnung und Kaiſer und Reich verrathende An⸗ ſchläge und Thaten erkennen, daß man beginnt, nach andern Stützen ſich umzuſehen, auf denen Verlaß ſei, und denen man größere Treue zutraue. Ebenſo wiſſen dieſe Dichtungen bei Beurtheilung der kirch⸗ lichen Verhältniſſe zwiſchen„Syſtem und Perſonen“ zu unterſcheiden; während ſie daher den Verfall der geiſtlichen Zucht, die Ungerechtigkeit des Clerus und die zu Rom herrſchenden Mißbräuche ſchonungslos geiſeln, behandeln ſie die urſprüngliche Lehre und Inſtitute der chriſtlichen Kirche mit der größten Achtung; und es läßt ſich auch hier der Zug nicht verkennen, der, gleichſam in eigenthümlicher Vorahnung einer reformatoriſchen Zeit, überall das hervorhebt, was das Weſentliche einer Beſſerung an Haupt und Gliedern in der Kirche ausmacht. Vergegenwärtigen wir uns endlich, wie dieſe Schriften die einzelnen Schäden auch im eigentlichen Volksleben aufdecken, und wie ſie grade dieſem Volksleben die ſicherſte Grundlage eines feſten Beſtehens dadurch zu verſchaffen ſuchen, daß ſie das Streben nach idealen Gütern in dasſelbe wieder einzuführen ſuchen, ſo geht man wohl nicht fehl, wenn man dieſen Dichtungen einen weſentlichen Antheil an der Herausbildung eines Bürgerthums zuerkennt, das berufen ſchien, den hohen idealen Gütern, die jetzt bei geiſtlicher und weltlicher Ritterſchaft wenig Schutz und Pflege fanden, eine Heimſtätte zu bereiten.
Die Zeit, in welcher ſolches Bürgerthum immer mehr erſtarkte, indem es neben dem rauſchenden Getriebe des Handels und Verkehrs wenigſtens auch etwas von der alten Sittlichkeit für ſich zu retten wußte, während Adel und Geiſtlichkeit ihres Berufs immer mehr vergaß, und das niedere Volk ſittlich und geiſtig verwilderte, erfuhr eine durchaus neue Geſtaltung durch Erfindungen mancherlei Art, durch Ent⸗ deckungen neuer Welten, beſonders aber durch den Umſchwung auf dem Gebiete der Wiſſenſchaft und bildenden Kunſt und durch die Neubelebung des Studiums der Alten. Doch dieſelben Erſcheinungen, die ſolcher Neugeſtaltung auf allen andern Gebieten günſtig waren, wurden theilweiſe die Urſache des Sinkens der Poeſie. Zwar war man von Seiten eines tüchtigen Bürgerthums, beſonders nach Erfindung der Buchdruckerkunſt, eifrig bemüht, das Volk zu belehren und ſittlich zu beſſern, und wir verdanken dieſem Streben eine Menge Ueberſetzungen alter Fabeln und Sittenſprüche, Erneuerungen und Bearbeitungen deutſcher Lehrgedichte, des Freidank, des Renner u. A., doch der Realismus all dieſer Dichtungen, denen in gewiſſem Sinn auch S. Brant's ſatiriſches Werk zuzuzählen iſt, und die hauptſächlich dem Hiſtoriſchen
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