Aufsatz 
Ueber die kulturgeschichtliche Bedeutung der älteren religiös-ethischen Dichtungen : in der deutschen Literatur / von F. Schönfeld
Entstehung
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Morgenland iſt er in Italien und Rom geweſen, wo ihm die ſcharfen Gegenſätze der beiden oberſten Ge⸗ walten, wie ſie im Kaiſer und Papſt gipfelten, nicht entgingen, und endlich auf heimiſchem Boden hat er leider überall Zuſtände beobachtet, die ihn mit Trauer und Wehmuth erfüllen. Aber trotz ſolch' trauriger Erfahrungen, die ihm ſein klarer Blick in die wirklichen Verhältniſſe entgegenbringt, bewahrt er ſich ſelbſt ein unerſchütterliches Vertrauen auf den endlichen Sieg alles Guten und Edlen, ernſtes Streben nach Wahrheit, Liebe zum Vaterland, echte Frömmigkeit und Achtung und Ehrfurcht vor den geiſtlichen Ge⸗ walten, ſo weit ſie ſich als wahrhaftige Stellvertreter göttlicher Autorität zeigen. Mannhaft tritt er überall ein für Alles, was ihm als Grundlage eines geſunden Volkslebens erſcheint: für Religion und Sitte, für Staat und Familie, für das Recht der höchſten Gewalten, wie jedes Einzelnen. Obgleich als Ghibelline mitten im Kampf der Parteien ſtehend, bewahrt er ſich dennoch die volle Freiheit ſeines Urtheils, er ſucht durch dasſelbe nicht irgend einem perſönlichen Standes⸗ oder Parteiintereſſe, ſondern allein ſeinem Vater⸗ land und ſeinem Volke zu dienen. Wenn er in treuer Anhänglichkeit an den Kaiſer deſſen ritterlich hohe Art in allen ſeinen Thaten, ſeine Milde und Freigebigkeit preiſt, ſo verſchließt er ſein Auge doch auch den Gefahren nicht, die dem Hohenſtaufiſchen Geſchlechte und in demſelben kaiſerlicher Macht drohen, wenn es in oft abenteuerlichen Unternehmungen das Gewiſſe deutſcher Königsmacht an den glänzenden Schein fremder Herrlichkeit ſetzt. Seine Aeußerungen über Rom, Papſt und Clerus ſind oft ſcharf und ſchonungslos; Rom, heißt es, iſt der Sitz der niedrigſten Habſucht, und Tauſende werden dort um die Seele und ihr Gut betrogen, Lug und Trug ſtehen da oben an; Unfriede und Verwirrung mögen in der Welt beſtehen, das kümmert den römiſchen Hof wenig, erhält er nur die Wolle, ſo iſt ihm einerlei, wer die Schafe ſchert. Wie groß die Gewalt des Papſtes iſt, als Menſch lebt er menſchlich und kann eine Vorbild des Guten, wie des Böſen ſein; Sünden kann daher der Papſt nicht vergeben, ſondern nur Gott allein; der Ablaß taugt nichts, ſondern nur Reue und Buße ſichert uns Gottes Gnade und Barmherzigkeit. Könnte der Papſt aber Sünden ohne Reue vergeben, ſo ſollte man ihn ſteinigen, wenn er einer einzigen Mutter Kind in die Hölle fahren ließe.) Und wie gegen Rom und den Papſt, ſo eifert er mit demſelben Freimuth theils mit bitterer Ironie, theils mit ſittlichem Ernſte gegen die Gebrechen eines ungerechten und ſittenloſen Clerus überhaupt. Die Würde des geiſtlichen Standes dagegen und deſſen hoher Beruf für die Förderung der heiligſten und höchſten Intereſſen des Volks wird in den beredteſten Worten von ihm anerkannt, und ebenſo weiß er die ewigen Wahrheiten des Chriſtenthums ſehr wohl von den Lehren der Hierarchie zu unterſcheiden, und ſelbſt für die Mißſtände des römiſchen Hofs, die er ſo heftig angreift, macht er einen Papſt wie Gregor IX., den er ſo hoch achtet, daß er ihn einen irdiſchen Gott nennt, nicht verantwortlich. Iſt in all den Fragen, welche Kaiſer und Papſt, weltliche und geiſtliche Macht betrafen, der edle Freimuth, die hohe Wahrheitsliebe zu bewundern, die dem Dichter immer den rechten Ausdruck geben für die Be⸗ urtheilung dieſer zeitbewegenden Verhältniſſe, ſo tritt der Werth, die hohe Bedeutung einer ſolchen Dichtung noch mehr in dem Theil hervor, der einerſeits ſpeciell den religiöſen Glauben des Dichters und andrerſeits ſeine ethiſche Auffaſſung des bürgerlichen Lebens in allen ſeinen verſchiedenen Abſtufungen offenbart. Hier wird er gradezu der geiſtige Führer ſeiner Zeit, und dies um ſo mehr, da er in echt poetiſcher Miſſion nur das zum Ausdruck bringt, was in dem Kern des Volkes lebt, und was die Beſten der Nation mit ihm fühlten. Gott dienen, ſo beginnt das Gedicht, ſei aller Weisheit Anfang; wer dieſes kurze Leben als höchſten Zweck ſetze, betrüge ſich ſelbſt und baue auf einen Regenbogen. Wer ſeine Seele bewahren wolle, müſſe Vertrauen auf Gottes Weisheit, Glauben an ſeine Treue und Zuverſicht auf ſeine Vorſehung be⸗ ſitzen. Weiter ſpricht der Verfaſſer von der Seele und ihrem räthſelhaften Zuſammenhang mit dem Körper, von den Laſtern der Hoffahrt, des Geizes, der Habſucht, wodurch der Seele göttliche Art verderbt und dieſelbe ihrer Heimath entfremdet wird. Er rühmt Freundſchaft und Treue, ſchildert Ruhm und Ehre, redet von Alter und Jugend, Armuth, Krankheit und Sorgen, die häuslichen und bürgerlichen Verhältniſſe

¹) H. Kurz, Geſchichte der deutſchen Literatur. I.