31 offenem Auge und freiem Geiſte die Erſcheinungen des Lebens zu wägen und zu meſſen, mit ſittlichem Gehalte zu erfüllen und poetiſch zu geſtalten.).
Wenn nun ſchon Walther von der Vogelweide ſich dem Singen und Sagen, dem Leben und Wandel jener ritterlichen Welt gegenüberſtellt, ſo tritt dieſe ſcharfe Abgrenzung noch beſtimmter in Freidanks „Beſcheidenheit“ hervor. Dieſes Lehrgedicht offenbart denſelben Adel der Geſinnung und zeugt von dem⸗ ſelben ſittlichen Geiſt, wie Walthers Dichtungen, und wie dieſe für alles Schöne und Edle, für Sittlichkeit und Wahrheit, für Vaterland und Religion ſich begeiſtern, ſo tritt auch Freidank ein für jene höchſten Güter der Menſchheit. Wenn er ſich nun in ſeiner Dichtung die Aufgabe ſtellt, über den religiöſen und ſittlichen Zuſtand„Aufſchluß und Beſcheid zu ertheilen“, ſo erfüllt er dieſelbe in ſo hohem Maße, daß, wie Grimm urtheilt, ſein Gedicht zu einem Weltſpiegel wird, in welchem die verſchiedenen Stände von dem Papſt und Kaiſer bis herab zu den Knechten, die öffentlichen und häuslichen Verhältniſſe, der religiöſe Glaube, Tugenden und Laſter in mannigfaltiger Abwechslung berührt und dargeſtellt werden; Frömmigkeit und Menſchenliebe, das Gefühl für Wahrheit und Recht beſeelten allein den Dichter, und indem er faſt Alles berührt, wovon das Leben damals erfüllt war, ſo thut er dies unbefangen und frei von aller ein⸗ ſeitigen Richtung und Anſchauung; und ſelbſt wenn er mit wohlmeinender Ironie oder mit ſcharfen Aeußerungen gegen die Gebrechen in Welt und Menſchenleben zu Felde zieht, ſo geſchieht dies an der Hand der Weisheit des ganzen Volks; darum kann er auch nicht verletzen und erbittern, weil er nicht ſein eignes perſönliches Urtheil über die gerügten Verhältniſſe in den Vordergrund treten, ſondern die alten Sprüche des Volks entſcheiden läßt,„die ohne Anſehen der Perſon und ohne Leidenſchaft richten“, ſie ſind daher nach des Dichters Meinung am beſten geeignet, die Anſichten über göttliche und menſchliche Dinge, über Hohes und Niedres, über Geiſt und Natur zum Ausdruck zu bringen. Aus dieſer eigen⸗ thümlichen Miſchung ſeiner Beſtandtheile erklärt ſich denn auch Werth und Bedeutung dieſer Dichtung. Grimm ſagt: Das Sprichwort, das gleich einem Funken bei unerwarteter Berührung dem Geiſt entlockt wird, drückt ohne Vorbereitung und Nachſinnen das Gefühl, das Urtheil des ganzen Volkes aus, mit dem es Beides, Wahrheit und Irrthum theilt, und dasſelbe braucht, da es den Ertrag langer Erfahrung enthält, ſeinen Ausſprüchen nicht erſt Eingang zu verſchaffen, Herz und Gemüth des Volkes ſteht ihm allezeit offen. Dieſes dem ganzen deutſchen Volk Zugehörige iſt der eine Beſtandtheil der Dichtung, und der andre iſt Freidanks eigner Geiſt, der das Ueberlieferte geſammelt und in echt praktiſcher Begabung das alſo Em⸗ pfangene geläutert und aus menſchlicher Beſchränkung emporgehoben hat. Darf ich ein Gleichniß ge⸗ brauchen, ſo hat Freidank eine wilde und freiſtrömende Quelle durch die Einfaſſung mit Werkſtücken in einen zugänglichen Brunnen verwandelt, aus dem man ohne Mühe ſchöpft.2) Ein ſolches Werk, dem W. Grimm kein Gedicht des 13. Jahrhunderts, ja überhaupt der altdeutſchen Literatur an die Seite zu ſetzen weiß, mußte natürlich von hoher Bedeutung werden für eine Zeit, die bei dem Zwieſpalt der geiſt⸗ lichen und weltlichen Macht in ihren Grundveſten erſchüttert war, in der die ſeitherigen feſten Stützen ſtaatlicher Ordnung ſchon zu wanken begannen, in der die ſocialen Gruppen in dem einſeitigen Verfolgen ſelbſtſüchtiger Ziele auseinander zu fallen ſchienen, und in der daher alle Kräfte geiſtlicher und weltlicher Natur mehr als je aufgeregt wurden.
Der Dichter iſt theils Augenzeuge, theils ſcharfer Beobachter jener großen hiſtoriſchen Ereigniſſe, die Fürſten und Völker bewegten, und die den Uebergang bildeten für eine neue Zeit. Die Sehnſucht nach dem heiligen Grabe, oder Vaſallenpflicht führte ihn unter Kaiſer Friedrichs II. Gefolge nach Syrien, und während ſeines Aufenthalts zu Akko lernt er aus eigner Beobachtung alle die Urſachen kennen, die den Erfolg der Kreuzzüge beeinträchtigen: Seuchen und Hunger, Verrath und Zwieſpalt zwiſchen Wälſchen und Deutſchen, Lug und Trug und verderbte Sitten bei Heiden und Chriſten. Vor ſeinem Zug in das
¹) Vergl. Uhland's Schriften zur Geſchichte der Dichtung und Sage V. ²) Vergl. W. Grimm, Vridankes Beſcheidenheit.


