30
Veränderung all dieſer Erſcheinungen ritterlicher Zeit ſteht auch die Umwandlung der ritterlich⸗romantiſchen Poeſie in innigem Zuſammenhang. Der Frühling und Sommer dieſer Periode deutſcher Poeſie mit ſeiner hoffnungsreichen Blüthenpracht ſchwand bald dahin, und der Herbſt dieſer Zeit brachte die Frucht nicht, die der Frühling verheißen hatte. Max Müller ſchildert treffend den eigenthümlichen Charakter jener Blüthezeit deutſcher Dichtung, wenn er ſagt:„Der klarſte Frühlingshimmel iſt in Deutſchland nicht ohne Wolken, und das deutſche Herz nie ſo glücklich, daß es nicht auch zugleich ein Gefühl von Traurigkeit empfände. Ob man auf ein kurzes Liedchen horcht oder auf das Epos von den Nibelungen oder auf Wolframs großartige Dichtung von Parcival und dem heiligen Gral, es bleibt ſich immer gleich. Ueberall findet ſich eine Miſchung von Licht und Schatten; in der Freude die Furcht vor dem Leid, im Leid ein Strahl der Hoffnung, und das Ganze durchdrungen von ſtiller Verwunderung über das ſeltſame Treiben der Welt“.
Dieſe ſtille Verwunderung über das ſeltſame Treiben jener Zeit, das Erwägen und Nachdenken über die Urſachen ſo manch' veränderter Erſcheinung, die Klage über Enttäuſchung und Vernichtung der ſchönſten Hoffnungen tritt in den Vordergrund. Zwar fehlt es auch jetzt nicht an Dichtern, die in tief ernſtem, ſittlichem Geiſte ihr Volk mit nationalen und religiöſen Ideen zu erfüllen und zu beleben ſuchten; aber eine oft wiederkehrende Klage, eine gewiſſe wehmüthige Stimmung klingt theilweiſe ſchon durch ihre Poeſien. Der Winsbecke in„den Ermahnungen eines Vaters an ſeinen Sohn“ iſt ein treuer Zeuge aus ritterlicher Zeit, und er wird durch ſeine Dichtung zum Herold der edelſten Gedanken, die nicht blos einem einzelnen Stand, ſondern der ganzen Menſchheit angehören, weil ſie das Leben ſtets in Beziehung ſetzen zu dem Höchſten und Edelſten, was in demſelben erſtrebt werden kann. In ſeinen Anſchauungen ſteht er vollſtändig auf dem Boden eines edlen Ritterthums, wie auch Wolframs idealer Geiſt es vor Augen hatte; aber ſeine treue, mahnende Stimme hat ſchon Anklänge an eine beſtimmte ſcharfe Kritik des Lebens innerhalb jener ritterlichen Kreiſe, wie die Wirklichkeit ſie bot, und in ſeinen Schilderungen, die als Reſultat reicher Lebenserfahrung erſcheinen, erkennen wir überall den Hinweis auf den wahren Adel echten Ritterthums, der ſich nicht in äußerlich blendender Form, ſondern in der Lauterkeit der Ge— ſinnung und in ſittlichem Wandel offenbart.„Der Hochgeborne ohne Tugend iſt geringer zu achten, als der Niedere, der nach Ehre ſtrebt, denn die Tugend macht den Adel, und Hochgeburt ohne ſie iſt wie das Korn, in den Fluß geſäet“. Walther von der Vogelweide geht ganz ſelbſtändig ſeine eignen Bahnen, un⸗ beeinflußt ſowohl von einem äußerlich noch glänzenden, aber innerlich ſchon tief geſchädigten Ritterthum, wie von den Ausſprüchen eines hierarchiſch ſich überhebenden Kirchenthums; dem erſteren ſtellt er die hohen Pflichten ſeines Berufs für Stand und Volk vor Augen; das andere macht er verantwortlich für die Zerriſſenheit des Vaterlandes und für die Schwächung kaiſerlicher Macht und Ehre. Lautere Wahr⸗ heit und tiefinnige Frömmigkeit ſprechen aus jedem ſeiner Worte und beſtimmen alle ſeine Lieder, mögen dieſelben in lyriſchem Schwunge edle Minne beſingen, oder ſchon mehr in didaktiſch⸗ſatiriſcher Weiſe dem Großen und Kleinen, dem Ernſten und Heiteren, kurz dem wirklichen Leben, dem allgemein Menſchlichen in ſeinen mannigfachen Beziehungen und Geſtaltungen ſich zuwenden. Den Kaiſer mahnt er an ſeine Pflicht, das heilige Land den Händen der Ungläubigen zu entreißen, den Papſt verehrt er als das geiſtliche Haupt der Chriſtenheit, bekämpft aber das Streben der Kirche nach weltlicher Macht und verlangt für das Reich Unabhängigkeit von der Kirche unter Hinweis auf das Wort des Herrn: Gebt dem Kaiſer, was des Kaiſers, und Gott, was Gottes iſt. Und wie er hier dem religiöſen und nationalen Gedanken neue Bahnen bricht, dem erſteren in faſt reformatoriſchem Geiſte, dem letzteren in einer Weiſe, wie es ſich erſt nach Jahrhunderten erfüllen ſollte, ſo weiß er auch als Dichter der Minne die männliche Würde und die Anmuth edler Weiblichkeit, dort die Eigenſchaften des Geiſtes und hier die der Seele und des Gemüths als unterſcheidende Zierden von Mann und Weib zu preiſen und der Minne ſelbſt die rechte Weihe zu geben durch eine echt ſittliche Idee, auf die er dieſelbe zurückzuführen wußte. So weiß er überall mit


