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(Innoc. Epist.)„Die päpſtliche Würde iſt ſoweit erhaben über die königliche, weil wir ja von allen Königen dereinſt vor Gott Rechenſchaft ablegen müſſen“, ſagt Urban II., und Innocenz III:„Nicht blos eine prieſterliche, ſondern eine königliche Herrſchaft gründete Chriſtus und gab dem heiligen Petrus zugleich die Zügel des irdiſchen und des himmliſchen Reichs“; mit faſt denſelben Worten preiſt auch Albrechts Dichtung vielfach die über Alles erhabene Stellung des Oberhaupts der Chriſtenheit.— Wenn auch Wolfram die äußeren kirchlichen Formen, wie ſie die Hierarchie zur Gewinnung des Heils vorſchrieb, aus⸗ drücklich anerkennt und den Werth derſelben durch die Weiſungen des Gurnemanz, das Sündenbekenntniß Parcivals vor Trevrezent und deſſen Belehrung und durch die Erzählung des Bußlebens der Sigune in ſeiner Dichtung auch hervorhebt, ſo ſieht er doch andrerſeits nicht„in der äußeren Kirchlichkeit des Artus und ſeiner Ritter, nicht in der Asketik des Trevrezent und auch nicht in der geſuchten Armuth Herzeloidens das Weſen der Heiligung, ſondern vielmehr in der aufrichtigen Reue, die von der Sünde ſich abkehrt und in Glaube und Liebe ſich zu Gott wendet; denn Parcival erringt die Herrlichkeit des Grals nicht durch römiſch⸗kirchliche Formen, nicht durch Prieſtervermittlung, ſondern durch rein geiſtige Arbeit in ſeiner innerſten Seele, wodurch er ſelbſt ſein eigner Prieſter wird“. Auch Albrecht ſpricht zwar von Reue, Beichte, Buße, aber vor allem ſind ihm die kirchlichen Ceremonien und äußeren Werke etwas ſo Hoch⸗ wichtiges und Bedeutendes, daß er ſie bei jeder Gelegenheit preiſt und als Mittel zur Seligkeit empfiehlt. So legt er dem ſichtbaren, von Menſchenhand gefertigten Kreuz göttliche Kraft bei zur Abwehr des Teufels, auch„das Zeichen des Kreuzes vor ſich zu machen“ iſt ein gutes Schutzmittel gegen den Angriff des Böſen. Wolfram kennt das pater noster nur als das kirchliche Gebet, während Albrecht mit dem Ausdruck ſchon den Roſenkranz als ein Werkzeug zur Zählung der Gebete bezeichnete, das nach Gieſeler von einem Do⸗ minikaner erſt im Jahre 1270 mit dem Namen Pater noster benannt wurde. Albrecht empfiehlt beſonders die Stiftung von Klöſtern und deren reiche Beſchenkung als ein beſonderes Verdienſt zum Heil der Seele, Bußübungen mancherlei Art erhöhen dieſes Verdienſt. All' dieſe Momente äußerer Werkheiligkeit kennt Wolframs Dichtung nicht,„deren Hauptobjekt der innere, vom Worte Gottes erfüllte, begnadete Chriſt iſt, deſſen Reinigung zur Gottſeligkeit durch die Kraft des Evangeliums geſchieht“.— Während alſo die Idee Wolſrams in der Herrlichkeit des Grals und in der ſittlichen Vollendung ſeiner Hüter und ſeines Königs gipfelt, ſucht der Verfaſſer des jüngeren Titurel durch die Schilderung des Reichs des Prieſters Johannes jene Herrlichkeit von Gral und Templeiſen zu verdunkeln; denn dieſes Johannesreich iſt ihm das Ideal der Ecclesie,„eine weltlich-⸗geiſtliche Macht, wie ſie im Papſtthum ſich verkörpern ſollte, die hierarchiſche Spitze in ihrer höchſten Glorie“.
Fehlte es daher dem Dichter des Parcival auch nicht an Tadlern, ſo fand ſein Werk doch auch theilweiſe Eingang bei ſeinen Zeitgenoſſen, und die Tiefe ſeiner Ideen, an die keine andere Dichtung des Mittelalters heranragt, wurde bald allgemein anerkannt und bewundert. Dagegen die Einführung der⸗ ſelben in das wirkliche Leben, vor allem die Wirkung der Dichtung auf die Kreiſe, die ſie geiſtig verklären, reinigen und veredeln wollte, waren nicht ſtark genug, um den allmählichen Verfall des Ritterthums auf⸗ zuhalten, und der zerſtörenden Macht der äußeren politiſchen und inneren religiöſen Verhältniſſe gegenüber vermochten auch die herrlichen Ideale eines ſo tiefſinnigen Dichters Körperſchaften geiſtlicher und weltlicher Richtung keinen Schutz mehr zu verleihen, die ihren Beruf für das geſammte Volksleben verkannt und die innere Kraft und Bedeutung, die ihnen früheres Weſen verliehen, eingebüßt hatten.
Die glänzende Zeit des Ritterthums war nur von kurzer Dauer. Die jugendlich friſche Be⸗ geiſterung für ritterliche Thaten und Kämpfe, die den epiſchen Dichtungen ſo reichen Stoff boten, hielt nicht lange an, der kräftige Aufſchwung der Nation für die Kreuzzüge und die höchſten Anforderungen, die der religiöſe Glaube damals an ſeine Bekenner ſtellte, ermattete allmählich,„nachdem das Ziel der Kreuzzüge, gleich dem Ziele ſo mancher Jugendhoffnung, ſich als unerreichbar erwieſen hatte.“ Mit der


