Aufsatz 
Ueber die kulturgeschichtliche Bedeutung der älteren religiös-ethischen Dichtungen : in der deutschen Literatur / von F. Schönfeld
Entstehung
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wird von ihm als höchſte Norm ritterlichen Lebens geprieſen, nicht aber eine Tapferkeit, die bei abenteuernder Luſt leicht in übermüthige Gewaltthat und rohe Ungebundenheit überging, nicht eine höfiſche Sitte, die hinter allem Glanz in der äußeren Form doch nur eine rohe Geſinnung verbarg und allmählich zur Un⸗ ſitte ausartete, die bald verhängnißvoll für das ganze Ritterweſen werden ſollte.

Einen neuen Geiſt verkündet der Dichter ſeiner Zeit und ſeinen Standesgenoſſen, und weil der⸗ ſelbe die von ihm als Ideal erſtrebte Richtung des Lebens auf höhere Ziele in dem Orden der Templer ſchaut, ſo wird ſeine Dichtung zugleich zu einerApotheoſe dieſes Ordens, der nach Wolframs Anſchauung beſtimmt iſt, verklärend und läuternd zurückzuwirken auf geiſtliche und weltliche Kreiſe, auf kirchliche und ritterliche Genoſſenſchaften. Dieſe Haupterſcheinungen damaliger Zeit, dieſe Träger des geſammten ſocialen Lebens will der Dichter durch die poetiſche Geſtaltung und plaſtiſche Vorführung ſeiner tiefen Ideen ver⸗ edeln und für die Erfüllung ihres hohen Berufs tüchtig machen. Diechriſtliche Verklärung des Ritter⸗ dienſtes und die ritterliche Verklärung des Gottesdienſtes zieht ſich als Grundgedanke durch die ganze Dichtung; denn in der gegenſeitigen Durchdringung dieſer Erſcheinungen ſieht der Dichter zugleich die höchſte Verklärung und Veredlung des Geſammtlebens der Menſchheit, das ja in vollendetſtem Sinne ein fortgeſetzter Gottesdienſt ſein ſoll. Wir ſehen, es iſt nicht blos ein tiefempfundener religiös⸗poetiſcher Geiſt, ſondern auch in hohem Grade ein reformatoriſcher Geiſt, der ſich in Wolframs Dichtung offenbarte, und es erklärt ſich daraus der Widerſpruch, den dieſelbe grade in den Kreiſen erfährt, die durch ſolche Ideen auf den Gegenſatz aufmerkſam gemacht wurden, der zwiſchen der einſeitigen Richtung ihres nur weltlichen, ſelbſtſüchtigen Zwecken dienenden und eines an höhere, geiſtige Ziele hingegebenen Lebens beſteht. So macht San Marte ¹) darauf aufmerkſam, wie grade der Verfaſſer desjüngeren Titurel in ſeinem Gedichte, das die eigentliche Gralſage im engſten Anſchluß an das franzöſiſche Original am vollſtändigſten behandelt und dabei die Bruchſtücke des Wolfram'ſchen Titurel überarbeitet einſchaltet und paraphraſirt, jede Aeußerung Wolframs in deſſen Titurel und Parcival über chriſtliche Glaubenswahrheiten dazu benutzt, um ſeine orthodox römiſch⸗katholiſche Auffaſſung zur Geltung zu bringen und dadurch der freieren Richtung, welcher der Wolfram'ſche Geiſt Bahn brach, entgegenzuwirken. Mit Beziehung auf dieſen Gegenſatz theologiſcher Anſichten wird Wolfram charakteriſirt alsder evangeliſche Ritter, welcher im Parcival den Bildungsgang des heilsbedürftigen Menſchen ſchildert, und Albrecht, der Verfaſſer des jüngeren Titurel, als derultra⸗ montane Prieſter, der die Macht und Pracht der ſiegenden Kirche verherrlicht.

Wir kennen Wolframs Auffaſſung über das Weſen der Kirche, über Papſt und Clerus, über die Lehre vom Glauben, von Sündenvergebung und Heiligung. In all' dieſen Punkten wird Albrechts gegen⸗ theilige Anſicht nachgewieſen. Auch er ſpricht zwar von der Heiligkeit des Grals und ſeinen göttlichen Wunderkräften, von dem hohen Beruf der Templeiſen als Gralshüter, aber das Höchſte iſt ihm doch die Ecclesie, d. h. die äußere katholiſche Kirche; dieſelbe wird durch den Clerus repräſentirt, deſſen Hand die Heilsmittel allein anvertraut ſind, und durch deſſen Vermittlung die Seele allein zum Himmel gelangt. An der Spitze dieſer Eeclesie ſteht der Papſt mit höchſter Machtvollkommenheit über alle geiſtlichen und weltlichen Gewalten. Hier tritt der Gegenſatz beider Anſichten am ſchroffſten hervor. Wolfram nennt in ſeinem Gedicht den Papſt nur einmal, und wenn er ihn im Hinblick auf Ablaß und Sündenvergebung mit dem Baruch, dem Gebenedeiten von Bagdad, vergleicht, ſo iſt eine gewiſſe Ironie nicht zu ver⸗ kennen. Die Verehrung, die er demſekben zollt, macht er, wie Freidank, Walther von der Vogelweide, Guiot von Provins, von der perſönlichen Tüchtigkeit und ſittlichen Hoheit abhängig, und die Nothwendig⸗ keit ſeines Daſeins überhaupt iſt ihm keine abſolute.²) Albrechts Ausführungen dagegen erſcheinen faſt wie Umſchreibungen päpſtlicher Decretale über die hierarchiſchen Satzungen, wonach der päpſtliche Stuhl die Mutter aller Gläubigen und der Papſt Chriſti Nachfolger und Gottes Stellvertreter auf Erden iſt.

¹) Vergl. Pfeiffer's Germania. VIII. ²) San⸗Marte in Pfeiffer's Germania. VIII.