Aufsatz 
Ueber die kulturgeschichtliche Bedeutung der älteren religiös-ethischen Dichtungen : in der deutschen Literatur / von F. Schönfeld
Entstehung
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Thoren der Gottesſtadt und ewig leuchten, ſie hat ihr Dogma, aber nicht ein ſolches, wie es aus der Scholaſtik hervorgegangen, ſondern das urſprünglich chriſtliche, wie es abgeleitet wurde aus dem reinen Evangelium, ſie hat ihren Cultus, der aber nicht in blos äußeren Formeln beſteht, ſondern in Aeußerungen des gläubigen Gemüths und einer reinen, gotterfüllten Geſinnung gipfelt. Wie in den Anſchauungen und Aus⸗ ſprüchen des Dichters über die Kirche, über Papſt und Prieſterſtand, über Buße, Glaube und innere Heiligung die Beziehungen desſelben zu dem lauteren Bibelwort überall klar hervortreten, ſo iſt auch eine Ab⸗ weichung gegenüber einzelnen ſcholaſtiſchen Dogmen und manchen poſitiven Satzungen der Kirche, welche zur Zeit Wolframs, noch durch kein Tridentinum feſtgeſetzt, ſondern angezweifelt und ſelbſt entſchieden beſtritten wurden, leicht zu erkennen. Obgleich der Mariencultus damals ſchon allgemein ausgebreitet war und ſich nicht blos die bedeutendſten Scholaſtiker, wie Peter der Lombarde und beſonders Bonaventura, unerſchöpflich in dem Lobe der Gottesmutter erzeigen, ſondern auch die Mehrzahl der ritterlichen Dichter den Ton des Minnelieds zur höchſten Verherrlichung der Maria anſtimmten, ſo tritt dieſer Cultus bei Wolfram nirgends hervor, er begnügt ſich mit der Bezeichnungder heiligen, reinen, ewigen Jungfrau, und ſelbſt den Ausdruck der Kirche ſchon zur Zeit des NeſtoriusMutter Gottes wendet er nicht an, ſondern ſtatt deſſen:die höchſte Königin. Rückſichtlich der Beichte und Sündenvergebung vertritt Wolframs Dichtung noch die Meinung der früheren Jahrhunderte. Die eigentliche Vergebung der Sündenſchuld kann danach nicht vom Papſt oder Prieſter, ſondern nur allein von Gott ausgehen; nicht hat der Prieſter Gewalt, ſelbſt zu löſen oder zu binden, ſondern nur zu erklären, daß gewiſſe Menſchen gelöſt und gebunden ſeien. Vor allem ſind die Sünden Gott zu bekennen, das Bekenntniß an den Prieſter bezweckt nur eigne, demüthige Bußübung und veranlaßt Fürbitte für die begangenen Sünden, Ermahnung und Anweiſung zur Genug⸗ thuung. Aber dies Alles war unabhängig von prieſterlicher Macht oder Würde; demnach ſteht auch Wolfram der Meinung vieler mittelalterlichen Secten nahe, daß nämlich der Laie ebenſowohl Beichte zu hören und zu abſolviren das Recht habe, wie der Prieſter.) Unter den Werken der Heiligung, die im rechten Glauben zur Entſündigung führen, preiſt der Dichter vor allem das Gebet; deſſen beſeligende Kraft ſtärkt den Parcival in ſeinem Kampfe zur Gewinnung des Gral, läßt ihn die unterlaſſene Frage thun, in Folge deren Anfortas Geneſung erlangt und Parcival ſelbſt die Verheißung des vollen Beſitzes aller Gralsgüter empfängt. Die ganze Anlage im Parcival, ebenſo wie die dichteriſche Geſtaltung der wichtigſten Glaubens⸗ ſätze, wie der Dichter ſie mit dem Charakter der einzelnen Perſonen und den erzählten Begebenheiten in Verbindung bringt, zeigt, daß er von dem apoſtoliſch⸗evangeliſchen Geiſte der chriſtlichen Glaubenslehre durchdrungen iſt, und wir verſtehen, warum man im Hinblick anf ſolch echte reformatoriſche Behandlung der heiligen Schrift Wolframs Dichtung eineLaienbibel nennen konnte.

Wie mit der ſcholaſtiſch ausgebildeten Kirchenlehre und der damit zuſammenhängenden Kirchenpraxis, ſo tritt Wolfram durch die Anſchauungen, die ſein Parcival offenbart, auch mit dem geſammten ritterlichen Leben ſeiner Zeit und den dasſelbe verherrlichenden höfiſchen Dichtungen in einen beſtimmten Gegenſatz. Unge⸗ zügelte Tapferkeit, die in rohe Gewalt ausartete, zielloſe Thätigkeit, die zu zweckloſen Abenteuern führte, ſelbſt⸗ ſüchtiger Genuß, der Rechte, Ehre und Leben Anderer nicht mehr achtet, ſind die Erſcheinungen, die mit dem welt⸗ lichen Ritterthum eng verknüpft waren. Aber alle dieſe Erſcheinungen und die damit verbundenen menſchlichen Leidenſchaften, denen die Mehrzahl der damaligen Dichter ihre volle Berechtigung zuerkennt, und die beſonders von Gottfried von Straßburg in ſeinem Triſtan mit dem Zauber der Poeſie verherrlicht werden, finden im Parcival, worin Gavan zum Ideal und Repräſentanten ritterlichen Weltlebens wird, die Verurtheilung Wolframs. Denn grade dieſem veräußerlichten weltlichen Ritterthum ſtellt der Dichter das geiſtliche Ritterthum gegenüber, das in der Vereinigung beſchaulich geiſtlichen und kriegeriſch thätigen Lebens, in der aufopfernden Hingebung an einen höheren Zweck und in der Hinwendung zum Ueberſinnlichen ſeine eigentliche Beſtimmung und Befriedigung findet. Selbſtverleugnung, Gehorſam im Dienſte des Reiches Gottes, Entſagung und Verzichten auf äußere Ehre und weltliche Luſt, Feſthalten am Glauben und Treue

¹) Vergl. San⸗Marte in Pfeiffer's Germania. VII.

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