Aufsatz 
Ueber die kulturgeschichtliche Bedeutung der älteren religiös-ethischen Dichtungen : in der deutschen Literatur / von F. Schönfeld
Entstehung
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überall Ausgangspunkte für die höchſten Ideen ſeines Epos, aber anſtatt ſich in den hergebrachten Formeln der Scholaſtik zu bewegen, ſchließt er ſich nicht blos dem einfachen Bibelwort und bibliſchen Sinn auf's engſte an, ſondern er fühlt auch das rein Menſchliche und ewig Göttliche aus demſelben heraus und bringt ſoviel als möglich nur überall das rein Chriſtliche zum Ausdruck. San⸗Marte erkennt nämlich in der Wolfram' ſchen Dichtung eine poetiſche Darſtellung des Geſammtlebens des Menſchen in ſeiner dreifachen Beziehung: zu Gott, zum Böſen und zur Welt. In Parcival's Leben und in ſeiner Stellung zum heiligen Gral zeichnet der Dichter das Verhältniß des Menſchen zu Gott. Das angeborne, unverlierbare Göttliche im Menſchen zieht ihn, ſelbſt unbewußt, zur Urquelle alles Lebens. Wie das Auge das Licht, ſo ſucht die Seele das Göttliche und findet nur Ruhe in ſeinem Frieden. Aber das Sündige in ihm läßt ihn das Höchſte nicht erkennen und dieſen Frieden nicht gewinnen. Erſt die Gnade Gottes gibt ihm Kraft, das Böſe im eigenen Herzen zu überwinden, und durch Demüthigung, Buße, Glaube, Heiligung gelangt er zum Heil. Dem heiligen Gral und ſeiner Gemeinſchaft wird ein Reich des Böſen gegenübergeſtellt. Von dieſem gehen die dämoniſchen Mächte aus, die in mancherlei Geſtalten und Erſcheinungen, als Heidenthum, Abgötterei, Zauberei, an den Menſchen herantreten, um ihn zu verſuchen und zu jeglicher Untreue zu verleiten. Gegen Gott ſelbſt, d. h. den heiligen Gral, ſind ſie machtlos, aber ſeine Diener können ſie auf's tiefſte gefährden und Leid und Verderben in ihre Mitte tragen. In der Geſchichte Klingsor's, des Zauberers, eröffnet der Dichter den Einblick in dieſes Reich des Böſen und in die dem Menſchen drohenden Gefahren. Das Ritterthum am Hofe des Königs Artus in ſeiner Freude und Herrlichkeit inMinnedienſt und Schildesamt, beſonders das Leben Gavans, des berühmteſten Helden der Tafelrunde, wird endlich dem Dichter zum Symbol des Verhältniſſes des Menſchen zur irdiſchen Welt. An Artus Hofe rollt der Strom aller weltlichen, höfiſchen, ritterlichen Ehre, Freude und Luſt in ungehemmten, vollen Wogen. Die Per⸗ ſönlichkeit, die hohen Ritterpreis verdient, gilt hier allein, während ſie im Reich des Gral nur dann zur Geltung kommt, wenn ſie durch Gottes Gnade berufen, durch Kampf, durch aufopfernde That geläutert und von Gottes Liebe durchleuchtet iſt. Erhebung und Anerkennung perſönlicher Würde und Ehre iſt das Ideal irdiſchen Lebens und Strebens; der Gral dagegen erſchließt ſeinen Dienern erſt nach unermüdlicher Arbeit demüthiger, ſelbſtloſer Liebe ſeine Herrlichkeit und verleiht im Anſchauen des Höchſten Segen und Heil.

So bewegt ſich die Dichtung in einem Ideenkreis, der ſeinen Mittelpunkt in den ewigen Wahr⸗ heiten des Chriſtenthums hat; dieſe leuchten überall aus derſelben hervor und geben Zeugniß von der dichteriſchen Vergeiſtigung, aber auch religiöſen Vertiefung, welche dieſe der Fremde entlehnten Stoffe durch die Bearbeitung eines deutſchen Dichters erfahren haben.

Was die tieferen Denker ſeiner Zeit und die frommen, für den gereinigten Glauben begeiſterten Chriſten bewegte, das beſeelte auch den Dichter des Parcival, und es wird derſelbe zu einem Verkündiger jener freieren Anſicht des Mittelalters, welche das Chriſtenthum zwar immer als das Höchſte ſchätzte, aber die vollkommenſte Erſcheinungsform desſelben nicht in der römiſchen Geſtaltung erkannte, ſondern von dieſer allein ſeligmachenden Kirche ausdrücklich ein allein ſeligmachendes Gralreich unterſchied. Wie der heilige Gral ſelbſt der Inbegriff aller geiſtigen Güter iſt, wie in ihm alle Kräfte des ewigen Lebens, alle Herr⸗ lichkeit und Seligkeit liegt, wie von ihm alle Verklärung der Welt, alles Heil der Menſchen, Auferſtehung und ewiges Leben ausgeht, ſo iſt die Gralsgemeinde eine Genoſſenſchaft der wahrhaft Gläubigen und Auserwählten, in Wahrheit das Reich Gottes, worin der Menſch nicht durch äußeres Kirchenthum, ſondern allein durch die Gnade Gottes von der Sünde und ihrer Knechtſchaft erlöſt und zur Herrlichkeit der Gotteskindſchaft geläutert wird, worin nicht ein bevorzugtes Prieſterthum herrſcht, ſondern worin Gott ſelbſt im Geiſte des reinen Evangeliums Herrſcher und Richter ſeiner Gläubigen iſt.¹) Dieſe Grals⸗ gemeinde hat alſo nicht den Papſt, ſondern Gott allein zum Oberhaupt, kennt keine Hierarchie im römiſchen Sinn, ſondern nur eine Gemeinde der Gläubigen und Heiligen, deren Namen angeſchrieben ſind an den

¹) Vergl. San⸗Marte, Parcival⸗Studien. II.