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Verpflichtungen, die ſie rückſichtlich ihrer Grundſätze über Glauben und Leben an ihre Mitglieder ſtellten, läßt ſich auf ein lebendiges ſittliches Intereſſe, welches grade die edelſten Naturen erfüllte, die ſich durch den verderbten Zuſtand der Kirche auf's tiefſte verletzt fühlten. So wird die Alles umfaſſende Fülle der hierarchiſchen Macht immer mehr angefochten und iſt theilweiſe ſchon erſchüttert.
Gegenüber den ſcholaſtiſchen Dogmen der römiſchen Kirche,„die in ihrer Unwahrheit und Selbſt⸗ ſucht nicht blos den Verſtand und die Wiſſenſchaft, ſondern noch weit mehr das Gemüth und den einfach chriſt⸗ lichen Sinn beleidigten“,“¹) ſucht man nach dem lauteren Wort des Evangeliums; gegenüber einem anmaßenden Clerus ahnte man das von den Apoſteln„jedem Chriſten in das Gewiſſen gelegte eigene Prieſterthum“; gegenüber der Göttlichkeit des Papſtthums ſchaut man im Geiſte die Herrlichkeit der wahren Kirche, deren Haupt Chriſtus, deren Glieder ſeine Gläubigen, deren höchſtes Ziel und herrlichſter Preis die Freiheit der Kinder Gottes iſt.—„Unter dem mächtigen Einfluß einer ſolchen allgemein verbreiteten Zeitrichtung“, ſagt San Marte,„konnte daher ſehr wohl in einem hohen, dichteriſch begabten Geiſt auch die Idee geboren werden, ein Reich der Auserwählten des Herrn zu ſchildern ohne römiſche Hierarchie, ohne Papſt und bevorrechtete Prieſterſchaft, ohne Decretalen, Bann und Interdict, worin vielmehr Gott ſelbſt unmittelbar der höchſte und einzige Regent und Richter, der zu den Seinigen ſpricht, wie er in der Urzeit der Schöpfung und zu Moſes und den erwählten Propheten Iſraels ſprach“. Wenn nun aber ein ſolcher Dichter in den hervorragendſten Erſcheinungen des Lebens ſeines Volks und ſeiner Zeit Anknüpfungspunkte und Vorbilder für die Idee findet, die ihn beſeelt, ſo liegt dann in der dichteriſchen Verklärung dieſes Lebens und ſeiner Offenbarungen, in der freien Anlehnung an die geſchichtlichen Vorbilder und in der poetiſchen Bearbeitung einer in weiteſten Kreiſen von Vielen ſymboliſch angeſchauten Sage ein wichtiges Moment für die kulturhiſtoriſche Bedeutung einer auf dieſe Weiſe entſtandenen Dichtung. Solche her⸗ vorragende Vorbilder gab es aber in damaliger Zeit; es waren die alle Verhältniſſe und Anſchauungen des mittelalterlichen Lebens beherrſchenden Erſcheinungen des Mönchthums und des Ritterthums. Der Mönch beſitzt in der Erfüllung ſeiner Gelübde die Verheißung und das ſicherſte Unterpfand für des Himmels Seligkeit. Der Ritter gewinnt als Schirmer der Frauen und aller Schwachen, als Rächer aller Unthat, als kampfbereiter Streiter für jede edle That, die Muth und Treue bekundet, die höchſte weltliche Ehre. „War aber Mönch und Ritter, jener im Dienſte Gottes, dieſer kraft ſeines ritterlichen Gelübdes im Dienſte ſeiner Mitmenſchen,— jeder von beiden an ſich ſchon beſonderer Hochachtung und Verehrung ge⸗ würdigt, um wieviel höher mußten dieſe ſich ſteigern, wenn beide Würden ſich in einer Perſon verbanden, der Mönch mit dem ritterlichen Schwert zur Vertheidigung Gottes und des chriſtlichen Glaubens ſich umgürtete, der Ritter mit der Demuth und Entſagung des Mönchs auf die Herrllichkeit dieſer Welt ver⸗ zichtete, um diejenige des Jenſeits zu gewinnen“!²) Die Verwirklichung dieſes Ideals wird nach den An⸗ ſchauungen jener Zeit durch die Stiftung der geiſtlichen Ritterorden zur Thatſache.
Vor allem war es der Orden der Tempelherrn, der rückſichtlich ſeiner ganzen Erſcheinung, ſeiner Organiſation, ſeiner Geſetze und ſeiner höchſten Aufgabe den Gegenſatz des natürlichen Muthes, des äußeren weltlichen Glanzes und des höheren geiſtlichen Ringens in religiöſem Sinn auf's ſchönſte zu ver⸗ einigen ſuchte und daher im Hinblick auf den Geiſt der Tapferkeit, der ſeine Glieder beſeelte, des un⸗ tadeligen Wandels, der ſie adelte, als Inbegriff des vollendeten Ritterthums gelten konnte. Der dichteriſche Geiſt Wolframs ſchaute in dieſem Orden die Durchdringung des Nationalen und Chriſtlichen und zwar beides in ſeinen edelſten Beſtrebungen und Kundgebungen, und von ihm nimmt er daher„die Hülle zur idealen Geſtaltung“ des Höchſten im Reiche ſeiner Dichtung.
Die Art, wie Wolfram die Gralſage behandelt, bekundet ſeine Stellung gegenüber der Kirche und ihrer damaligen Lehrauffaſſung. Die chriſtlichen Glaubenslehren und Glaubensthatſachen ſind ihm
¹) San⸗Marte(A. Schulz) Parcival⸗Studien. II. ²) San⸗Marte. II.


