precht wies ſeinen Alexander von den Pforten ſeines irdiſchen Paradieſes ab; Wolfram führt ſeinen Parcival bis zu der Pforte ſeiner wunderbaren, von himmliſchen Heerſcharen bewachten Burg; Dante ſchließt ſeinen höchſten Freudenhimmel auf. Das Irdiſche und Weltliche iſt der Gegenſtand der Hölle, wie im Alexander; die Reinigung der Seele iſt der Mittelpunkt des Parcival, das Paradies des Dante'ſchen Gedichts iſt der Mittelpunkt, nach dem alles Andre hinſtrebt. ¹)
Wolfram von Eſchenbach lebte in einer Zeit gewaltiger Bewegung innerhalb der Gebiete religiöſen Lebens. Die letzten Steine ſollten in einen Bau eingefügt werden, zu dem Gregor's VII. kühner Geiſt den Plan geſchaffen, und der jetzt faſt vollendet ſich erhob ob allen geiſtlichen und weltlichen Gewalten. Schon längſt hatte die Hierarchie Beſitz ergriffen von dem Rechte, die Lehre der Kirche feſtzuſtellen und den Glauben der Chriſten nach eignem Ermeſſen zu beſtimmen. Die Wiſſenſchaft und ihre bedeutendſten Vertreter ſtellten ſich demüthig in ihren Dienſt, und ſelbſt ein Anſelm von Canterbury kannte keine größere Ehre, als das ihm von der Hierarchie formulirte Wort als göttliche Offenbarung hinzunehmen, und er begnügt ſich, dasſelbe„durch Philoſophie didaktiſch zu durchdringen, zu ordnen, zu ſtützen und zum vollen Verſtändniß zu bringen“.
Aber nicht blos über die religiöſen, geiſtigen Gebiete will die Kirche herrſchen, auch die Fürſten und Staaten ſollen ihr dienſtbar ſein. Bisher waren alle ihre Beſtrebungen mit Erfolg gekrönt, ſiegreich war ſie aus allen Kämpfen hervorgegangen, und ihr errungener Beſitz ſchien unverlierbar. Auf dem vierten Laterankonzil 1215 feierte das Papſtthum ſeinen höchſten Triumph, die edlen Hohenſtaufen unter⸗ liegen nach langem, ſchwerem Kampf, und der Papſt iſt als Stellvertreter Gottes auf Erden Herr aller Gewalten. Wie ein König ſeine Staaten, hat Innocenz III. in Wahrheit die Welt beherrſcht, rühmt ein moderner Geſchichtſchreiber des Papſtthums.²) Damit hat er aber auch zugleich dem ganzen römiſch⸗mittel⸗ alterlichen Kirchenweſen, wie es ſich bis zur Höhe des Innocenz ausgebildet hatte, das Urtheil geſprochen. Denn in dieſer Machtentwicklung und Machtentfaltung hatte es Elemente in ſich aufgenommen, die ſi in ihm als Mächte des eignen Verderbens geſtalten ſollten. Das Streben der Nation nach Selbſtändig⸗ keit und freier Entwicklung, die Scheidung der Lebensſphäre des Staats von jener der Hierarchie und andrerſeits das dem Menſchenherzen angeborene Bedürfniß eines perſönlichen Glaubens, welcher in dem frei ſich entfaltenden Drange des Gewiſſens und der Ueberzeugung wurzelt, mußte neue Kämpfe erzeugen, die jene Machtſtellung der Hierarchie bedrohten.
Zunächſt galten dieſelben der Gewinnung von Licht und Wahrheit in der Religion, die man als das herrlichſte Kleinod vor aller Entſtellung und Entwerthung bewahren wollte. Man erkannte immer mehr die Gefahr, die ihr drohte, und zwar am meiſten von einer Seite, wo man ſeither ihre treuen Hüter, nicht aber ihre Verderber ſuchte; denn unumſchränkte Herrſcherin über alle Gewalten dieſer Erde war die Hierarchie geworden, aber davon war ſie weit entfernt, auch Pflegerin der Reinheit in Glauben und Leben zu werden, wie es das Evangelium als oberſte Pflicht von der Kirche und ihren Dienern ver⸗ langt. Es wurde vielmehr die hohe geiſtliche Würde der Hierarchie und ihrer Vertreter auf allen Stufen kirchlicher Ordnung oft zu einer täuſchenden Hülle niedriger Leidenſchaft und grober Unſittlichkeit, ſodaß ſelbſt Bernhard von Clairvaux von ihnen ſagen konnte:„Sie befördern nicht das Evangelium, ſondern das Sacrilegium“. Im Innern der Kirche ſelbſt entwickeln ſich daher immer mehr die Keime zur Zer⸗ ſtörung, ſodaß ihre treueſten Anhänger ſchon damals klagen: An Haupt und Gliedern ſind wir krank.— Daß ſolche Zuſtände nicht unbeachtet bleiben konnten, ſondern vielmehr Oppoſition hervorrufen mußten, iſt natürlich; es erklärt ſich daraus das Auftauchen der bitterſten Spott⸗ und ernſteſten Mahn⸗ und Streit⸗ ſchriften gegen Papſt, Kirche und deren Glieder in Frankreich, den Niederlanden, beſonders aber auch in Deutſchland. Selbſt die Entſtehung der damals in Menge hervortretenden Sekten mit ihren ſtrengen
¹) Gervinus. I. S. 435. ²) Chriſtophe, Geſchichte des Papſtthums im vierzehnten Jahrhundert.


