Aufsatz 
Ueber die kulturgeschichtliche Bedeutung der älteren religiös-ethischen Dichtungen : in der deutschen Literatur / von F. Schönfeld
Entstehung
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ſich der verborgene Keim zu ſtetigem Wachsthum, das wohl von Menſchen gehemmt, nimmer aber unter⸗ drückt und von Gott allein zu höchſter Vollendung geführt werden kann. Voll Thatenluſt einer friſchen Jugend, voll Hoffnung auf ein neues Leben, reich an Heldenehre, ſtürmt er der Welt entgegen, und voll ſtolzer ritterlicher Kraft ringt er derſelben ihre Güter ab. Die Mutter verkündete ſeinem ahnenden Herzen den Namen Gottes als den Inbegriff alles Lichtes, als den Allhelfer; die Welt ſucht ihn mit dem Glanze des Ritterthums und ſeiner hohen Ehren wie mit Zaubergewalt zu umſtricken. Aufgethan hat die Seele zuerſt ihr Auge, als der lichte Name Gottes genannt wurde, zum andernmal, als der geheimnißvolle Klang des weltlichen Ritterthums an die Saiten ſeines Innern ſchlug. Daß es aber Gottes Name ge⸗ weſen, deſſen Licht zuerſt in dem Grunde der Seele leuchtete, hat die Verheißung, daß dieſer Name einſt wieder mächtig hervorbrechen wird, nachdem das vergängliche Weſen der Welt ihn eine Zeitlang verdunkelt hat. Die Wirklichkeit des Lebens entſpricht nirgends den Bildern ſeiner jugendlichen Vorſtellung, und ſelbſt die erſehnte Herrlichkeit am Hofe des Königs Artus bietet ihm nur Enttäuſchung. Mächtig erwacht die Sehnſucht nach einem unbekannten, höheren Glück, und unbewußt führt ihn die angeborne Herzens⸗ einfalt und Reinheit ſeiner Natur dem höchſten Ziele entgegen. Doch es entſchwindet wieder ſeinen Blicken, denn ſein Inneres war noch nicht ſtetig und bewußt auf dasſelbe gerichtet, und er verſcherzt den Beſitz des höchſten Glückes, denn ihm fehlen Demuth und Liebe, Tugenden, die allein zu ihm emporführen. Nachdem er erkannt, was er durch eigene Schuld verloren, wird ſein Herz trotzig und verzagt, er zerfällt mit ſich ſelbſt, mit Gott und der Welt; dem Zweifel hingegeben ſcheint er zu erliegen, wenn die Liebe von oben nicht ſich ſeiner erbarmt; denn aus eigner Kraft vermag er ſich aus des Zweifels bezwingender Macht nicht mehr zu erheben. Fern vom Treiben der Welt wird ihm in ſtiller Abgeſchiedenheit die Liebe deſſen offenbart,der ſelbſt mit höchſtem Gnadenlohn hat Menſchenantlitz angenommen. Parcival lauſcht den Worten des Mannes, der in den mannigfachen Führungen des eignen Lebens Gottes Vaterhand erkannte, und der ihm die großen Thaten Gottes zur Erlöſung der Menſchen aus treuem, väterlichem Herzen ver⸗ kündet. Die Reue erwacht im Hinblick auf das durch eigne Schuld verſcherzte Heil; aber der Hinweis auf Gottes verklärende Liebe läßt ihn den verlornen Glauben wieder finden, und nachdem er den Kampf mit des Herzens Hochmuth beſtanden, nachdem er hindurch gedrungen durch die Nacht des Zweifels, nach⸗ dem er geläutert durch die Feuer äußeren Leids, innerer Verſuchung und Trübſal, nachdem er ſich bewährt in dem ernſten, ſelbſtloſen Streben nach Heiligung, tritt er in den Beſitz des Königthums des Grals und wird der Gnade Gottes und des höchſten Heils theilhaftig.

Der tiefſinnige Wolfram von Eſchenbach, ſagt Max Müller,)hat hundert Jahre vor Dante bereits mit offenem Auge in jene unendliche Wirklichkeit geblickt, welche unſerm kurzen irdiſchen Daſein zu Grunde liegt; denn ihm bot, gleich manchem andern Dichter ſeiner Zeit, die menſchliche Tragödie dieſer Welt den nämlichen weſenloſen, vergänglichen und durchſichtigen Anblick dar, den wir in Dante's Göttlicher Komödie wiederfinden. Alles weiſt auf eine andere Welt hin, Schönheit, Liebe, Tugend, Glückſeligkeit, kurz alles, was das Herz des Dichters bewegt, hat einen verborgenen Bezug auf etwas Höheres, als dieſes Leben, und das höchſte Ziel der höchſten Poeſie ſcheint darin zu beſtehen, wenn ſie den Geiſt in jene Regionen zu verſetzen vermag, wo er die Gegenwart der göttlichen Allmacht und Liebe empfindet und in ſelige Anbetung verſenkt iſt. Wie Müller, ſo macht auch Gervinus auf die Aehnlichkeit in dem Ideen⸗ gang der beiden großen Dichter aufmerkſam, nur daß er Dante die Palme zuerkennt für die vollendetſte Durchführung und Darſtellung der religiöſen Idee. Denn auf die Frage nach der Seligkeit des innern Lebens konnte doch auch jene Zeit nicht antworten, die nur kaum anfing, den Geiſt und das Herz mehr zu be⸗ ſchäftigen. Allein Dante ſchloß dieſen Kreis und erledigte dieſe Frage. Erſt ihm gelingt's, einen reinen Gedanken poetiſch zu geſtalten, dieſe ſchwierigſte aller Aufgaben, die der neueren Poeſie gegeben ward; er gibt dabei alles Objektive auf und macht ſich und ſeine eigene Seelengeſchichte zum Gegenſtand. Lam⸗

¹) Eſſays. III.