Aufsatz 
Ueber die kulturgeschichtliche Bedeutung der älteren religiös-ethischen Dichtungen : in der deutschen Literatur / von F. Schönfeld
Entstehung
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Mittelalters war und das Mangelhafte der äußeren Einrichtung einigermaßen erſetzte; wieviel höher mußte erſt dieſer Einfluß werden, als das Geſchlecht verherrlicht und geweiht erſchien in der jungfräulichen Mutter des Heilandes; die Verehrung Marias erhob ſich nahezu über jeden andern Gottesdienſt, und wie die Himmliſche ihren Glanz über die Frauen der Erde verbreitete, ſo war hinwieder die Feier ihres Lobes an Innigkeit und Farbengebung dem weltlichen Minnegeſang verwandt.¹) Weſentlich beeinflußt durch ſolchen Marienkult, wie ihn die Legende förderte, war daher das ſociale Emporſteigen der Frauen, die Erhöhung des Frauengeiſtes und der Frauenſtimmung zu einer wirklichen Macht der Zeit geworden. Zu dem göttlichen Frauenbild der Jungfrau Maria erhebt ſich in begeiſterter Verehrung der gewaltige Hilde⸗ brand, und Tauſende thun es ihm nach. Die geſammte Kunſt jener Zeit kennt keine höheren Motive für ihre erhabenen Werke. Ihr zu Ehren erheben ſich die ſtolzeſten Dome, die koſtbarſten Altarſchreine ſchmückt ihr liebliches Bild, und ihrem Lobe gelten der Tonkunſt herrliche Harmonieen. Dann beugen ſich vor irdiſchen, gottbegeiſterten Frauen die Großen der Erde, wie vor der Aebtiſſin Hildegard von Bingen und Eliſabeth von Schönau, die überdies mit ihren poetiſchen Viſionen den dichtenden Frauen jener Zeit, der Klausnerin Frau Ava u. A., zuzuzählen ſind.²) Görres vergleicht Hildegard im Hinblick auf die Stellung, welche dieſelbe ihren Zeitgenoſſen gegenüber einnahm, mit Velleda, der Brukterin. Politiſche und kirchliche Fragen hat ſie beſchäftigt, Kaiſer und Papſt lauſchten dem Ausſpruch der Seherin. Und wenn in ſpäterer ritterlicher Zeit auch nicht mehr dieGottbegeiſterung allein es war, vor der man ſich beugte, ſondern vielmehr ein anmuthiges Lächeln und freundlich blickende Augen, und wenn ſtatt des Gebets ein Liebeslied auf die Lippen tritt, ſo hat jene religiöſe Stimmung doch auch die Empfindung der edelſten Minne⸗ ſänger vertieft.

Mit dem Bekanntwerden der Artus⸗ und Gralſage beginnt die eigentliche Blüthezeit der mittel⸗ alterlichen Kunſtpoeſie. Die Sage von König Artus und der Tafelrunde begeiſterte die Dichter, das romantiſche Ritterthum mit ſeinen Heldenthaten und Abenteuern zu verherrlichen, und die Gralſage mit dem reichen Hintergrund arabiſcher, byzantiniſcher und morgenländiſcher Stoffe, die theilweiſe mit abend⸗ ländiſchen Sagen verſchmolzen wurden, war beſonders geeignet, die myſtiſch⸗religiöſen Ideen, die das Mittelalter bewegten und die in dem geiſtlichen Ritterthum gipfelten, poetiſch zu geſtalten. Während daher die eine Sage mit ihren vorwiegend auf weltliches Ritterthum, Frauendienſt und Minne gerichteten Stoffen zu glänzenden Dichtungen verarbeitet wurde, in welchen neben Ritterehre und Ritterherrlichkeit, Frauen⸗ ſchönheit und Frauengunſt auch menſchliche Leidenſchaft verherrlicht erſcheint, dient die andre Sage dazu, die tiefſten religiöſen und ſittlichen Gedanken zum Ausdruck zu bringen. Der Dichter des Parcival ver⸗ bindet die Stoffe der beiden Sagenkreiſe, durch ſeine poetiſche Bearbeitung werden dieſelben in deutſcher Auffaſſung geiſtig vertieft, und es wird daraus ein Epos geſchaffen, das den Menſchen in ſeinem Sehnen und Ringen nach dem geahnten Ewigen zum Gegenſtand hat. Dasſelbe wird zu einem Gemälde der Zweifel des menſchlichen Herzens und ihrer Löſung, der Kämpfe des Lebens und ihrer Ueberwindung nach Verſuchung und Irrthum, des Schwankens der Seele zwiſchen Furcht und Hoffnung und des endlich errungenen Siegs und gewonnenen Friedens durch Glauben und Treue. Dieſe Ideen, welche den Dichter bewegen, erſcheinen jedoch nicht in abſtrakter Form, ſondern in dem Bilde Parcivals, des Helden der Dichtung und Repräſentanten des Menſchen.

Dem träumeriſchen Hinleben der erſten Jugend entzieht den Helden der lockende Ruf der irdiſchen Welt mit ihren Reizen und ihrem äußeren Glanz. Miütterliche Sorge und Liebe will ihn ſchützen vor aller Befleckung, die der Reinheit ſeiner Jugend droht; aber wer zum Helden geboren, bei dem entfaltet

¹) Vergl. Uhlands Schriften zur Geſchichte der Dichtung und Sage. V. Der Minnegeſaug. ²) Vergl. W. Scherer, Quellen und Forſchungen. XII.