Aufsatz 
Ueber die kulturgeschichtliche Bedeutung der älteren religiös-ethischen Dichtungen : in der deutschen Literatur / von F. Schönfeld
Entstehung
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ſächliche und das Märchenhafte vermiſcht iſt, ſind zahlreiche Legenden eingeſtreut, und dieſelben bilden bei der ſonſtigen, oft ermüdenden Breite in der Erzählung ſogar meiſtens die poetiſch anregende und eigentlich unterhaltende Seite dieſer legendariſchen Sammelwerke. So in der Kaiſerchronik und beſonders im Anno⸗ lied. Selbſt die griechiſchen und römiſchen Helden werden in den die antiken Stoffe behandelnden Epen nicht blos in dem äußern Gewande jener Zeit vorgeführt, ſondern auch ihre Thaten werden nach dem religiös⸗romantiſchen Geiſte beurtheilt, wie er ſich unter dem Einfluß der Legenden nothwendig heraus⸗ bilden mußte. Im Alexanderlied ſucht der griechiſche Held nach Unterwerfung des perſiſchen Reichs und nach Beſiegung des indiſchen Königs Porus das Ende der Welt zu erreichen; er kommt an das Paradies und will es erſtürmen, muß aber umkehren und empfängt in einem wunderbaren Stein die Weiſung, daß einem Sterblichen vor Allem Demuth noth ſei. Der König kehrt zur Heimath zurück, läßt Habſucht und Ehrgeiz fahren und regiert mild und weiſe bis an ſeinen Tod.¹) Dieſelben Züge kehren in den welt⸗ lichen Erzählungen der Perſonen⸗ und Einzelſage wieder. Die Geſchichte desarmen Heinrich ſchildert in den beiden Hauptperſonen die Kraft der ſich ganz hingebenden Liebe eines reinen Gemüths und den Segen der Demuth, welche die Selbſtſucht überwindet. Imguten Gerhard verkündet dem Kaiſer, der ſich ſelbſt im Gebete vor Gott rühmt, eine Stimme in der Kirche, ſeine Werke, der Eitelkeit entſprungen, könnten Gott nicht wohlgefallen. Aus der Geſchichte des guten Gerhard erkennt er, daß alles Gute ohne Demuth keinen Werth habe, er kehrt von Köln reumüthig nach Magdeburg zurück und wird jetzt von Gott in Gnaden angenommen. Alle dieſe Dichtungen liefern den Beweis, daß ſelbſt die hervorragendſten Dichter, um eines Erfolgs bei ihren Leſern gewiß zu ſein, ſolche Stoffe für ihre Poeſien wählen mußten, die der Legende nahe ſtanden, oder ſich ſo behandeln ließen, daß ſie dem durch die Legende auf das Wunderbare gerichteten und religiös geſtimmten Geiſte des Volks entſprachen. Alles, was demnach jener Zeit als Ge⸗ ſchichte oder Sage geiſtlichen und weltlichen Inhalts in der Form der dichteriſchen Erzählung dargeboten wurde, erſcheint im Gewand der Legende, erhält Färbung und Bedeutung nach chriſtlich-kirchlichen und religiös⸗ſittlichen Vorſtellungen.Das weltlich⸗römiſche Reich iſt von dem geiſtlichen, der Kaiſer iſt von dem Papſte, der Held von dem Heiligen, in einem Wort: die Geſchichte iſt von der Legende verdunkelt.

Die früheren religiöſen Dichtungen, mehr im Ton der alten Volkspoeſie gehalten, ſuchten den chriſtlichen Gedanken in urſprünglich reiner, einfacher Geſtalt dem Bewußtſein und der Empfindung des Volks nahe zu bringen und auf dieſe Weiſe das religiöſe Leben zu durchdringen und zu geſtalten. Die Legenden dagegen und die in ihrem Geiſt abgefaßten Dichtungen fördern und preiſen eine Frömmigkeit, die ſich nicht mit einer reinen, Gott zugewandten Geſinnung und einem Gott wohlgefälligen Leben be⸗ gnügte, ſondern ausdrücklich verlangte, daß man dies Leben und alle Erſcheinungsformen des Irdiſchen überhaupt fliehe, daß man ſich demſelben als etwas Sündlichem mehr duldend, als handelnd entgegenſtelle. War früher Chriſtus inmitten ſeiner Apoſtel das hohe Heldenbild, das die älteren geiſtlichen Poeſien in den einfach wahren Zügen der Evangelien objektiv treu wiedergaben, ſo wird jetzt die Jungfrau Maria und neben ihr die große Schar der Märtyrer und Heiligen der Mittelpunkt aller religiöſen Dichtung. Die hohe Verehrung, welche der germaniſche Charakter dem weiblichen Geſchlecht entgegenbringt, wurde jetzt poetiſch verklärt und religiös geweiht durch die Legende, welche die Jungfrau Maria vor allen übrigen Perſonen der bibliſchen Geſchichte auszeichnet und dieſelbe mit höchſter poetiſcher Begeiſterung nicht blos als das Ideal der Weiblichkeit preiſt, ſondern zugleich als mächtigſte Fürſprecherin, die in der Strenge des letzten Gerichts und Welturtheils den ſicherſten Schutz gab und als Helferin in der höchſten Noth dem Gläubigen näher als Chriſtus, ja als Gott ſelbſt ſtand. Der Mönch Werner von Tegernſee erzählt in dieſem Sinne das Leben der Jungfrau, und beſonders entfaltet Konrad von Würzburg in ſeinergoldnen Schmiede zum Lobe der Jungfrau reiche dichteriſche Phantaſie und große Pracht der Sprache. Es iſt nicht zu widerſprechen, ſagt Uhland, daß der ſittliche Einfluß der Frau die wirkſamſte Geſetzgebung des

1) Gervinus. I. S. 291.