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Die neu gewonnenen Vorſtellungen verlangten neben der Benutzung fremder Stoffe auch eine neue poetiſche Darſtellung, wodurch die alten nationalen Sagen und Dichtungen weltlichen und geiſtlichen In⸗ halts immer mehr verdrängt wurden. Denn in dieſen hatte Alles ſchon eine feſte, traditionelle Geſtaltung angenommen, die ſich durch die ſubjektive Empfindung des Dichters nicht mehr umbilden ließ; dagegen die jetzt maſſenhaft aufkommenden ausländiſchen Stoffe konnten nach der individuellen Auffaſſung des Dichters leicht verändert werden und waren gleichſam als Rahmen zu gebrauchen, in welchen man das einfügte, was den poetiſchen Geiſt jener Zeit erfüllte. Dieſer neuen Richtung der Poeſie folgt zunächſt die Legende, eine Gattung der Kunſtdichtung, die, wie keine andre, vor allem den Charakter der Zeit an ſich trägt.
Schon vor den Kreuzzügen war das Intereſſe für dieſe Dichtungen rege geworden, und ſchon die genannten Werke„Hartmanns und Heinrichs“ vom Glauben, von des Todes Gehügede und andre ſetzen das Bekanntſein einer Menge ſolcher Legenden bei ihren Leſern voraus. Allgemein waren dieſelben als Unterhaltungsſtoffe beliebt und beeinflußten als„Mittelpunkt der dichteriſchen Literatur“ jener Zeit weſentlich die Anſchauung, geiſtige Entwicklung und äußere Lebensgeſtaltung des Volks.
Die Wanderluſt, die von jeher deutſches Erbtheil iſt, ſollte dadurch neue Nahrung finden, die Freude an dem Abenteuerlichen, die jetzt ſogar in den Dienſt einer höheren religiöſen Idee trat, gab Anlaß zu Pilgerzügen, die zwar Noth und Gefahren im Gefolge hatten, aber dem glücklich Heimkehrenden auch Bewunderung und hohes Anſehen verſchafften, und die eignen wunderbaren und gefahrvollen Er⸗ lebniſſe erneuerten das Gedächtniß einer großen Vergangenheit und ihrer kühnen Helden.— Zunächſt war es denn das Wunderbare überhaupt, ſei es aus der Geſchichte des Alterthums oder der Märchenwelt des Orients, ſei es aus den eignen Erlebniſſen und den Abenteuern der Zeitgenoſſen, das in den Erzählungen der Pilger immer wiederkehrte; dann waren es aber beſonders auch die Sagen von Heiligen und Märtyrern, deren Leben und Schickſale von den Dichtern nicht blos beſungen, ſondern auch von dem frommen Glauben Tauſender als höchſtes Vorbild für eignes Leben und Streben betrachtet wurden. Jemehr ſich die„ganze Welt zu chriſtlichen Heldenthaten und zu der Krone der Märtyrer drängte,“ je allgemeiner daher dieſe Züge nach dem Orient wurden, wo der höchſte Preis winkte, je reicher die dabei erlebten Abenteuer oder die daraus gewonnenen Eindrücke und Erfahrungen wurden, umſomehr wuchs auch die Zahl der Legenden. Gervinus macht darauf aufmerkſam, daß innerhalb dieſer religiös epiſchen Dichtungen eine ähnliche Ent⸗ wicklung ſtattfindet, wie bei allen übrigen epiſchen Poeſien des Mittelalters. Das Wirkliche, Geſchichtliche iſt auch hier der Ausgangspunkt zum Wunderbaren und Erdichteten; mit dem Einfachſten, Natürlichſten beginnend, werden immer weitere Kreiſe gezogen und dieſelben allmählich mit Perſonen und Begebenheiten ausgefüllt, die, immermehr dem hiſtoriſchen Boden entrückt, zuletzt nur noch als Gebilde der dichteriſchen Phantaſie erſcheinen. In den älteren Evangelienharmonien war Chriſtus, ſein Leben und ſeine Thaten, der Mittelpunkt aller dichteriſchen Erzählung; altteſtamentliche Geſchichten und Perſonen, ſoweit ſie auf Chriſtus zu deuten waren oder mit den neuteſtamentlichen Heilsthatſachen in Beziehung ſtanden, reihten ſich an. Die Behandlung dieſer rein bibliſchen Stoffe genügte, ſo lange in der Dichtung die objektive Darſtellung vorwaltete, die das urſprünglich einfach Chriſtliche allein zum Ausdruck bringen wollte. Doch der ganze Charakter der Zeit brachte es mit ſich, über die Grenzen des Geſchichtlichen, Natürlichen und Wahrſcheinlichen hinauszugehen, und ſo ſchwand in der Poeſie die Einfachheit und Ruhe der älteren Epen, und an deren Stelle trat das Phantaſtiſche, Abenteuerliche und Schwärmeriſche der romantiſchen Zeit. Auch in der Legende wird der Boden der hiſtoriſchen Thatſachen verlaſſen, die ſagenhaften Erzählungen, die apokryphiſchen Evangelien, in denen das Wunderbare ſo mächtig wucherte, und die kirchliche Tradition über das Leben der Heiligen und Märtyrer aus der römiſchen und der ſpäteren Zeit wurden die reichlich fließenden Quellen, aus denen die geiſtliche Dichtung nun ihre Stoffe mit Vorliebe ſchöpfte. Dieſe neue Geſtaltung der Poeſie beherrſchte ſo vollſtändig die damalige Literatur, daß ſich keine Gattung derſelben ihrem Einfluß entziehen konnte. In den Weltcchroniken, in denen bei der Dunkelheit und Verworrenheit der damaligen hiſtoriſchen und geographiſchen Vorſtellungen das Wahre und das Abenteuerliche, das That⸗


