Aufsatz 
Ueber die kulturgeschichtliche Bedeutung der älteren religiös-ethischen Dichtungen : in der deutschen Literatur / von F. Schönfeld
Entstehung
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führt. An die eigentliche epiſche Erzählung weiß der Verfaſſer derSchöpfung und dervier Evangelien ſtets die oberſten ethiſchen Verpflichtungen derſelbſtloſen Liebe zu Gott und den Menſchen und der glaubensvollen Zuverſicht der Chriſten zu ſeinem Heilande zu verknüpfen.) Auch dieBücher Moſes und die ſogenannte Görlitzer Evangelienharmonie, ſowie die mehr lehrhaften Schriftenvom Glauben undvom Tode ſuchen in ähnlichem Geiſte, wie die vorigen, auf die religiöſe Stimmung des Volkes zu wirken, und die letzteren ſchildern beſonders den hohen Werth der Frömmigkeit im Gegenſatz zu irdiſchem Beſitz und weltlicher Ehre. Dieſe Dichtungen, die beſonders ein ritterliches Publikum im Auge haben, mächtige Herrn, die in reichem Gewande, mit glänzendem Helm und Panzer, hoch zu Roſſe an der Spitze ihrer Dienſtmannen einherziehen, an reichbeſetzter Tafel ſchwelgen und der Wolluſt fröhnen und um des Scheins der Ehre willen Leib und Seele verlieren) geben ſämmtlich einen tiefen Einblick in die Ge⸗ brechen jener Zeit, wie ſie in allen Ständen herrſchten, den geiſtlichen Stand nicht ausgenommen; ſie ſind zugleich Vorboten einer neuen Zeit und trugen dazu bei, den Funken dichteriſchen Strebens zur Gewinnung höherer Güter auch in trüber Zeit glimmend zu erhalten.

Mit den Kreuzzügen beginnt nun ein wunderbares Erwachen des idealen Lebens. Das Chriſten⸗ thum mit ſeiner ernſten Aufforderung der Einkehr in ſich ſelbſt, mit ſeiner Verpflichtung zur Heiligung des Lebens in allen ſeinen Beziehungen und mit ſeiner Hinweiſung auf eine Welt der höchſten Ideale hatte nicht blos vorübergehend Wurzel gefaßt in dem Boden des deutſchen Volkslebens, ſondern hatte, Dank der Arbeit der Beſten der Nation, dasſelbe ſo völlig durchdrungen und gekräftigt, daß der religiös⸗ ſittliche Geiſt desſelben, trotz der Ausſchreitungen der Hierarchie, trotz der heftigſten Kämpfe weltlicher und geiſtlicher Macht und der dadurch veranlaßten Schädigung nationalen Lebens, immer neue Blüthen und Früchte zur Entfaltung und Reife brachte. Und wenn vor allem die Kreuzzüge die Eigenthümlichkeit des Zeitalters zur vollen Entfaltung bringen, ſo war dies nur dadurch möglich, daß ſie, als Frucht dieſes Geiſtes, das poetiſche Gemüth des deutſchen Volkes neu belebten und der Thatenluſt eine Richtung auf edle, geiſtige Ziele gaben. Der Heroismus der früheren Zeit, welcher nach chriſtlicher Auffaſſung im Grunde doch nur für ſelbſtſüchtige Zwecke kämpfte, um Land, perſönliche Ehre oder den Preis der Stärke, wurde nun zu einem Heldenthum, das ſich begeiſterte für Gottesliebe, Lehenstreue und Frauenehre, und deſſen Kampfesluſt auf die Gewinnung eines fernen, aber unendlich erhabenen Zieles gerichtet war, zu einem chriſtlichenideenerfüllten Ritterthum, das, wenn es auch in ſeinen Grundzügen ſchon früher vor⸗ handen war, doch erſt durch die Kreuzzüge zu der Geſtaltung gelangte, in der es alle Höhen und Tiefen des damaligen Lebens beherrſchte. Dies Alles geſchah zu einer Zeit, wo auch der politiſche Zuſtand Deutſchlands dem Emporblühen dieſes neuen Lebens überaus günſtig war. Die Hohenſtaufen kämpften im Gegenſatz zu den ihnen vorausgehenden Kaiſern nicht vorwiegend für die Erweiterung der eignen, nur perſönlichen, ſelbſtſüchtigen Zwecken dienenden Macht, ſondern in der Hauptſache für dieſelben Ideen, die das Ritterthum und überhaupt die ganze Zeit erfüllten; dabei ſchmückten ſie das Leben mit Allem, was Kunſt und Wiſſenſchaft bot, die gerade damals durch den regen Verkehr mit fremden Nationen und zwar beſonders mit den an Bildung ſo reich ausgeſtatteten Orientalen neuen Aufſchwung genommen hatten; und da es ihnen auch anfangs gelungen war, durch Herſtellung einer größeren Einheit des Reichs die Freude an der Herrlichkeit und Macht desſelben wieder zu beleben, ſo erklärt es ſich, daß damals, wenn auch nur auf kurze Zeit, alle Volksklaſſen mit Begeiſterung und Thatkraft für die Förderung idealer Güter erfüllt wurden. Solch' mannigfache Erſcheinungen und Einflüſſe mußten natürlich auch auf die Geſtaltung der Poeſie zurückwirken; dieſelbe nahm daher in der Hohenſtaufenzeit einen glänzenden Aufſchwung und wurde in Wahrheitzur farbenreichen Darſtellung des Lebens nach ſeinen höheren und niederen Beziehungen, wie es im Spiegel des durch Chriſtenthum und Kreuzzüge phantaſtiſch geſtalteten Ritterthums aufgefaßt wurde.

¹) Gervinus, Geſch. d. deutſch. Dichtung. I. ²) W. Scherer. Quellen und Forſchungen.

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