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Selbſt da, wo noch hin und wieder ein Kloſter zur Zufluchtsſtätte für die geiſtige Thätigkeit Einzelner wurde, war die Parteinahme für die Führer des großen Kampfes nicht ausgeſchloſſen. Während daher in Ober⸗Deutſchland die Geiſtlichen der Klöſter in Baiern, Oeſtreich, Kärnthen nnd Steiermark ſich als Anhänger des Papſtes erwieſen, ſo waren ſie in den Niederlanden ſelbſt in ihren religiöſen Schriften die gelehrteſten und eifrigſten Vertheidiger des Anſehens der kaiſerlichen Macht. Es iſt daher nicht zufällig, daß grade dort im zwölften Jahrhundert ſich einzelne Dichter der alten Fuchs⸗ und Wolfſage bemächtigten, um ſie in neuer Bearbeitung nicht blos als Trägerin echt ethiſcher Ideen, ſondern vor allem als ſchärfſte Waffe gegen alle Ausſchreitung und Entartung der Hierarchie und ihrer Vertreter zu benutzen.— Außer dieſen poetiſchen Erzeugniſſen, in denen, ſelbſt wenn ſie religiöſen Inhalts waren, der Kampf jener Zeit ſich abſpiegelt, entſtanden jedoch auch andere Dichtungen, die, jedem Streite und jeder Satire fern, viel⸗ mehr den tiefen, geiſtigen Gehalt des Evangeliums wieder treu erfaßten; der Ernſt ihres Inhalts erinnert einerſeits an die ſittliche Strenge der alten Kirchenväter und andrerſeits an die Gedanken der ſpäteren Myſtiker. Denn wie dieſe benutzen die Verfaſſer jener Dichtungen die Offenbarung der heiligen Schrift in tiefſinniger Auffaſſung zur Löſung der höchſten religiöſen Fragen von der Weltſchöpfung, dem Verhältniß des Menſchen zu Gott, dem Urſprung des Uebels, der Erlöſung und Heilsordnung, und ſie ſind ein Zeugniß dafür, daß ſelbſt in den trübſten Zeiten des Mittelalters es doch nicht an Männern fehlte, welche dieſelbe Offenbarung, die von der Mehrzahl der Prieſter unverſtanden bei Seite geſchoben oder verſchleiert gehalten wurde, klar wie das Sonnenlicht in Herz und Leben wollten eindringen laſſen, die mit dem friſchen Hauch ihres poetiſchen Geiſtes ihre Zeit zu beleben ſuchten und in derſelben die Sehnſucht nach lauterer und ungetrübter Erkenntniß chriſtlicher Wahrheit wach erhielten.— Zugleich durchzitterte damals die Gemüther der Glaube an den nahen Weltuntergang und führte große Scharen von Pilgern nach dem heiligen Grabe, ſodaß der Geiſt der Kreuzzüge jetzt ſchon zu erwachen ſcheint. Um die religiöſe Stimmung einer ſolchen fromm erregten Zeit lebendig zu erhalten, wurden auf die beſtimmte Veranlaſſung einzelner Kirchenfürſten mehrere Schriften verfaßt, die nach dem übereinſtimmenden Zeugniſſe damaliger Berichte eine gewaltige Wirkung auf das Leben des Volks übten. Die wichtigſten Stücke dieſer Dichtungen glaubt man in den hervorragendſten Poeſien einer Handſchrift des Kloſters Vorau in Steiermark zu beſitzen. Das Lied„von den Wundern Chriſti“, das der Scholaſtikus Ezzo von Bamberg im Auftrag ſeines Biſchofs Günther (eines Freundes Anno's von Köln) auf der berühmten Pilgerfahrt desſelben nach dem heiligen Lande dichtete, iſt der Ausgangspunkt für all' dieſe Dichtungen.¹) Als weitere Ausführung oder Ueberarbeitung dieſes Lieds erſcheint eine Schrift, die der erſte Herausgeber„die vier Evangelien“ nennt; dieſelbe gehört mit einigen andern Theilen der Vorauer Handſchrift, welche als die Summa theologiae ²) bezeichnet werden, zu den gedankenreichſten Werken der geſammten geiſtlichen Dichtung. Gervinus nennt dieſe erhaltenen Poeſien die Arbeit eines erhabenen Geiſtes, der an religiöſem Ernſt und Begeiſterung ſelbſt den Otfried übertrifft.
Der Dichter erzählt in epiſchem Ton die großen Thaten Gottes, wodurch er ſeine Liebe und Gnade offenbart, und erhebt ſich dabei oft zu den ſchwungvollſten Hymnen. Er geht aus von den auf das Reich Gottes in Beziehung geſetzten Thatſachen des Alten Teſtaments und erkennt darin in pauliniſchem Geiſte die vorbereitende Offenbarung auf Chriſtus; er erzählt von der Schöpfung und herrlichen Beſtimmung des Menſchen, von der Nacht der Sünde, die über die Menſchheit hereingebrochen; am Himmel der Gnade Gottes läßt er die Sterne aufgehen, die zur Zeit des altteſtamentlichen Bundes in hellem Lichte glänzten bis zu dem Morgenſtern, dem letzten der Propheten, der den Tag verkündete, an dem die Sonne der Gerechtigkeit auf⸗ gehen ſollte. Chriſti Leben und Werk entrollt er dann in epiſchen Zügen, und in bilderreicher Sprache rühmt er den Steuermann, der den ihm Vertrauenden über das Meer des Lebens zum Himmel, ſeiner Heimath,
¹) Vergl. W. Scherer in den Quellen und Forſchungen zur Sprach⸗ und Kulturgeſch. der Germ. Völker. VII. ²) Ebenda.


