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ja die alten Heldenlieder lebten theilweiſe in der Erinnerung wieder auf, und wie bei jenen Mönchen im Kloſter Fulda, die in Rede und Gegenrede das Lied von Hildebrand und Hadubrand wechſelten, ſo mag an mancher Stätte ſtiller Beſchaulichkeit deutſcher Geiſt die bibliſchen und klaſſiſchen Studien durchdrungen haben. Nach einer harten Kampfeszeit, die nun folgte, wo durch die Einfälle der Normannen, Slaven und Magiaren mancher Ort der Kultur in Trümmer geſunken war, gelang es den ſächſiſchen Kaiſern, die deutſchen Grenzen zu ſichern, die Selbſtändigkeit des Reichs zu begründen und nicht nur im Innern desſelben, ſondern bis an die äußerſten Marken deutſcher Macht und deutſchem Geiſte eine Stätte zu bereiten. Aber trotz dieſer Begründung nationaler Macht und der Pflege deutſcher Bildung konnten ſich die Ottonen in Folge ihrer Beziehungen zum romaniſchen Süden dem Einfluß der dort herrſchenden Kultur nicht ganz entziehen. Ihre Lehrer und Rathgeber waren Männer, die mit dem Geiſte des klaſſiſchen Alterthums vollkommen vertraut waren. Otto's I. Gemahlin war eine Lombardin, die Otto's II. eine Griechin, die Verbindung mit Rom und Byzanz mußte daher nothwendig der Erneuerung und Verbreitung klaſſiſcher Bildung günſtig ſein, umſo⸗ mehr, da der deutſche Geiſt faſt unbewußt Verwandtes ahnt in der antiken Auffaſſung und Darſtellung hoher Menſchheits⸗Ideale, und daher die Aufnahme antiker Bildung neben der chriſtlichen der eignen Richtung und Natur zu allen Zeiten zugeſagt hat.“) Der Aufſchwung der Kunſt und Wiſſenſchaft in der Reformationszeit und die höchſte Blüthe unſrer deutſchen Literatur am Ende des vorigen Jahrhunderts ſind Beweiſe dafür, wie jederzeit die geiſtigen Führer auf dem Gebiet der Kunſt und Literatur in Deutſch⸗ land groß wurden durch die„Verſchmelzung der antiken und der deutſchen Anlage.“ So auch zur Zeit der Ottonen. Wie auf alle Künſte, ſo wirkten die neuen Bildungsrichtungen auch auf die Geſtaltung der deutſchen Dichtung. Nur machte ſich hier gleichſam ein umgekehrtes Verhältniß geltend, wie vorher im neunten Jahrhundert; denn wie man früher fremden Stoff durch Einkleidung in heimiſche Sprache und Form zum Volkseigenthum machte, ſo entlehnte man jetzt Stoffe aus deutſcher Sage und bearbeitete ſie in lateiniſchen Hexametern. Auf dieſe Art entſtanden in jener Zeit neben den weltlichen Dichtungen, wie Eckehards Waltharius, Fromunds Ruodlieb, neben einer verloren gegangenen lateiniſchen Bearbeitung des Nibelungenlieds und den lateiniſchen Fabeln vom Fuchs und Wolf, die ſich an die alte Thierſage anlehnen, auch eine Reihe von Schriften religiöſen Inhalts, die im Einzelnen wohl einigen Aufſchluß geben über die Kultur⸗Entwicklung im 10. und 11. Jahrhundert, aber im Ganzen ohne weſentlichen Einfluß auf das eigentliche Volksleben geweſen ſind. Ja, durch die vorwiegende Benutzung der lateiniſchen Sprache von Seiten des Clerus wurden die Kreiſe, die früher dem Volke nahe ſtanden und durch Dichtungen in der Sprache des Volkes dem geiſtigen Leben der Nation gerecht zu werden ſuchten, demſelben immer mehr ent⸗ fremdet. Die reiche Anregung, welche das Zeitalter der Ottonen für Kunſt und Wiſſenſchaft gegeben hatte, ging daher für das eigentliche Volksleben faſt ganz verloren, umſomehr, da bald darauf die Dichtung überhaupt immer mehr verſtummte und faſt jede Art literariſcher Beſchäftigung erlahmte. Zwar iſt das Kloſter St. Gallen immer noch„ein heller Stern in der hereinbrechenden Nacht der folgenden Jahrhunderte“, und ſeine gelehrten Aebte Burkhard und Notker Labeo pflegten, wie früher ein Eckehard, deutſche Sprache neben klaſſiſcher Literatur; aber ihre Werke ſind meiſt nur Ueberſetzungs⸗ und Erklärungsproſa, und ihre gelehrte Thätigkeit erſtreckte ſich in dieſer Richtung ſowohl auf bibliſche Schriften: die Pſalmen, Hiob und andere, wie auch auf Werke des klaſſiſchen Alterthums: Virgil, Horaz, Bosëthius und beſonders Ariſtoteles. Aber die Unſicherheit der damaligen Zuſtände ſchädigte zuletzt auch noch dieſe wenigen übrig gebliebenen Stätten geiſtiger Kultur. Waren es anfangs entweder die Einfälle der Ungarn und Slaven, gegen welche Deutſchland unter den ſaliſchen Kaiſern ſich vertheidigen mußte, oder die durch den Zwieſpalt zwiſchen dem Kaiſer und den großen Lehnsträgern hervorgerufenen inneren Kämpfe, welche allmählich jede Kultur zerſtörten, ſo folgte zuletzt eine noch größere Zerrüttung und Zerfahrenheit aller Verhältniſſe durch die Parteibildungen und Kämpfe der weltlichen und geiſtlichen Macht unter Heinrich IV. und Gregor VII.
¹) Gervinus, Geſch. der deutſchen Dichtung. I.


