Aufsatz 
Ueber die kulturgeschichtliche Bedeutung der älteren religiös-ethischen Dichtungen : in der deutschen Literatur / von F. Schönfeld
Entstehung
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betreffen, während die eigentlich religiös⸗ſittlichen Begriffe, welche die tieferen Ideen und Wahrheiten des Chriſtenthums zum Ausdruck bringen, durch ureigne deutſche Wörter gegeben werden, und zwar meiſtens durch ſolche, die ſchon zuvor in religiöſem Sinne gebraucht waren, die alſo im Bewußtſein des Volkes ſchon eine gewiſſe Heiligkeit und Weihe beſaßen, von denen aber durch Eingießung des chriſtlichen Geiſtes das Heidniſche beſeitigt war, und die nun mit chriſtlichem Gehalt erfüllt wurden. Mit Recht wird hier innerhalb geiſtiger Gebiete ein ähnlicher Vorgang wahrgenommen, wie er auch äußerlich ſtattfand bei Ausbreitung des Chriſtenthums, wobei vorwiegend heilige Stätten, Höhen, Quellen, Haine zur Anlage von Kapellen, Kirchen und Klöſtern benutzt wurden. Die eigentliche Vertiefung des religiöſen Glaubens ſteht alſo in enger Beziehung zu dieſem Anſchluß der genannten Epen an den urſprünglichen Sprachſchatz des deutſchen Volkes.

Doch auch das Leben in ſeinen äußeren politiſchen und ſocialen Beziehungen, wie es nämlich ſeinen Ausdruck fand in dem Verhältniß des Königs zum Volke, des Volkes zu ſeinem Heerkönig und ſeinen Herzögen, der Freien und Hörigen untereinander, der Stammesverwandtſchaft und Volksgenoſſenſchaft, wurde dadurch nicht unweſentlich beeinflußt. Wenn nämlich der Held dieſer Epen, Chriſtus, mit Vorliebe als herrlicher Volkskönig geſchildert wird,der durch ſein Land zieht, um zu rathen und zu richten, zu weiſen und zu lehren, Gaben zu vertheilen, zu helfen, zu heilen, zu kämpfen wider ſeine Feinde, in dieſem Kampfe für die Seinen zu ſterben und endlich aus der ſcheinbaren Niederlage ſich im glänzendſten Siege zu erheben, ſo konnte durch ſolche Bezeichnung und Auffaſſung die Einigung deutſcher Art mit dem Chriſtenthum wiederum nur gewinnen. Für die altteſtamentliche Bezeichnung Chriſti als eines Propheten bot die ganze politiſche Vergangenheit des deutſchen Volkes keine Anknüpfung, es wird dieſelbe in unſern Epen daher auch weniger hervorgehoben, und damit tritt die Auffaſſung auch mehr in den Hintergrund, wonach das Chriſtenthum als eine bloſe Lehre erſcheint; dadurch würden die Beziehungen desſelben zum wirklichen Leben und deſſen allſeitigen Aeußerungen nicht ſo beſtimmt hervorgetreten ſein, wie es unſre Dichtungen beabſichtigen; auch iſt Chriſtus ihnen nicht Hoheprieſter, der eine Schuld ſühnt, die dem natürlichen Bewußtſein des Volks fremd ſein mußte; vielmehr iſt er eines freien, edlen Volkes König und Herr, deſſen Liebe und Treue Allen offenbar wird, und der auch Allen wieder ein Vorbild iſt in dieſen ruhmreichen Eigenſchaften. Dieſe echt deutſche Volksthümlichkeit, wie ſie in dem ſittlichen Verhältniß der Treue, der gegenſeitigen Anhänglichkeit und Hingebung ihren ſchönſten Ausdruck fand, erhielt ſomit durch die Einführung Chriſti als des Volksoberhaupts ihre chriſtliche Weihe und das darauf aufgebaute feudale Staatsleben jener Zeit ſeine ſittlich⸗religiöſe Grundlage. ¹)

So wurden die beiden Evangelienbücher Träger und Verbreiter einer Kultur, die zwiſchen den kirchlichen Anforderungen und den urſprünglich geſunden Elementen des Volkslebens vermittelte, und die in den Zeiten der Noth und Gefahr, die über deutſches Land hereinbrach, als von allen Seiten die feind⸗ lichen Grenzvölker heranſtürmten, alle geiſtlichen und weltlichen Kräfte der Nation zu einmüthigem Zuſammen⸗ wirken verband. Wenn daher jener Zeit nachgerühmt werden kann, daß damals in allen Ständen des Volkes die edelſten Früchte echter Religioſität reiften, und daß auf Grund eines großen Gemeinbedürfniſſes dieſelben ſich innerlichſt zuſammenſchloſſen, ſo daß der Geiſtliche für den Staat und der Laie wetteifernd für die Kirche in treuer Hingebung und freudiger Selbſtverleugnung Gut und Blut einſetzt, ſo läßt ſich daraus erkennen, daß der Einfluß der geiſtlichen Dichtungen, denen ein weſentlicher Antheil an ſolcher Erſcheinung zugeſchrieben werden wuß, auf das geſammte Leben des Volkes weit über die Zeit ihrer Ent⸗ ſtehung hinausreichte.

Als das Chriſtenthum innerhalb der germaniſchen Welt geſichert ſchien, verminderte ſich die ängſt⸗ liche Sorge für die alleinige Pflege rein geiſtlicher Dichtung, wie ſie in den Kloſterſchulen betrieben wurde;

¹) Vergl. Lechler in den Theol. Studien und Kritiken.