aus, die heimiſchen Götter vom Throne zu ſtürzen, welche das Volk liebte und verehrte, mit deren An⸗ betung Sitten und Gebräuche, Sagen und Ueberlieferungen des Volks zuſammenhingen, aus denen das Volk ſelbſt mit ſeiner Geſchichte, ſeinen heiligen Altvätern, Helden und Fürſten als aus heiligem Stamme erwachſen war, durch deren Offenbarung und Gegenwart Wälder und Berge und ſoviel heimathliche Stätten eine lebendige Weihe erhalten hatten. Allem dem ſollte das Volk entſagen, und was ſeither als Treue, Anhänglichkeit und Gewiſſenhaftigkeit geprieſen war, das wurde von den Heidenbekehrern als Gräuel und Sünde gebrandmarkt und verfolgt.¹)— Ueberdies kam dieſe neue Lehre aus einem fernen Lande, war einem fremden Volk mit andrer Art und andern Sitten entnommen und trug in ſeinen Anforderungen und Verpflichtungen dem Volke überhaupt ſoviel Fremdes, Ungewohntes entgegen, daß eine Verſöhnung ſolch' widerſtrebender Elemente kaum möglich ſchien. Und wenn dennoch eine Ausſöhnung zwiſchen dem deutſchen Nationalgefühl und den ihm anfangs ſo fremden Anſchauungen des Chriſtenthums in verhältniß⸗ mäßig kurzer Zeit zu Stande kam, ſo erkennt man mit Recht in den beiden genannten Evangelienbüchern ein hervorragendes Mittel, wodurch dieſelbe angebahnt und weſentlich gefördert wurde, indem die Dichter dieſer Epen im engſten Anſchluß an Volksſitte und Volksſprache die Thatſachen der evangeliſchen Geſchichte und die Grundſütze der evangeliſchen Lehre ſo zur Darſtellung bringen, daß die Hörer und Leſer fremden, ungewohnten Eindrücken entrückt und„in dem epiſchen Wort Heimiſches und Eigenes“ erkennen und ver⸗ nehmen. Es wird der Ort und die Stätte der bibliſchen Geſchichte zum heimiſchen Land, die bibliſchen Perſonen werden zu deutſchen Männern und Frauen und Chriſtus ſelbſt zum Herzog und Heerkönig des Volks. So wurde der Geiſt der evangeliſchen Geſchichte nicht blos dem intellektuellen Erkennen nahe gebracht, ſondern als ein edles Reis wurde er gleichſam in des Volkes Art und Weſen eingepflanzt, um auf dieſem geſunden Stamm herrliche Früchte für das nationale und religiöſe Leben zu reifen. Alles was darin urſprünglich fremd war und dadurch dem Gefühl des Volks zuwider geweſen wäre, fand jetzt durch die heimiſchen Beziehungen, Verhältniſſe und Erſcheinungsformen, an welche die dichteriſche Darſtellung ſich anlehnte, bei ihm willige Aufnahme und wurde ihm bald ein theuer werther Beſitz.
Doch nicht die Art dieſer Darſtellung allein, ſondern vor allem die Darſtellung in der Sprache des Volkes förderte die Einigung des Chriſtenthums mit germaniſchem Geiſt. Die romaniſchen Völker konnten ſich bei der Vermiſchung ihrer urſprünglichen Sprache mit der lateiniſchen auch viel leichter an die lateiniſche Kirchenſprache gewöhnen und den religiöſen Inhalt aufnehmen, den ihnen dieſelbe vermittelte; wollte man aber dem deutſchen Volke das Chriſtenthum bringen, ſo mußte man von ſeinem Heil und Segen in deutſcher Sprache ſingen und ſagen. Es war dies jedoch nicht leicht, da dieſe Sprache auf dem Boden des Heidenthums ihre Entwicklung genommen, und weil durch dieſelbe daher zunächſt ſolche Be⸗ griffe zum Ausdruck kamen, die aus heidniſchem Denken, Fühlen und Leben hervorgegangen waren. Die⸗ ſelben Worte und Begriffe, die alſo heidniſchen Anſchauungen dienten, und deren Benutzung im Volke auch wieder heidniſche Erinnerungen wecken mußte, ſollten jetzt chriſtlichem Glauben und Leben die Wege bahnen. Und dennoch gelang dieſe Umwandlung, und„das Erzeugniß derſelben iſt ein ganz neuer Sprach⸗ ſchatz,“ der durch dieſe Eingießung eines neuen Geiſtes in die vorhandenen Sprachſtoffe allmählich entſtand, und wenn dieſe Umwandlung auch mit den ſchon früher vorhandenen Ueberſetzungen und Bearbeitungen bibliſcher Bücher und Stoffe theilweiſe begonnen hatte, ſo mußte dieſelbe doch ganz beſonders durch epiſche Dichtungen gefördert werden, die, wie unſre beiden Evangelienbücher, das chriſtlich Religiöſe auf ſo echt volksmäßige Weiſe einzupflanzen ſuchten. Forſcher auf dem Gebiete der althochdeutſchen Sprache, wie R. v. Raumer und J. Grimm, machen dabei auf die wichtige Erſcheinung aufmerkſam, daß diejenigen Wörter, die aus dem Griechiſchen und Lateiniſchen entlehnt und nun zu deutſchen Ausdrücken für religiöſe Begriffe benutzt werden, im Ganzen mehr äußere Erſcheinungen des Chriſtenthums bezeichnen und alſo beſonders ſolche Vorſtellungen ausdrücken, die kirchliche Einrichtungen, Perſonen, Aemter, Orte und Dinge
¹) Vergl. Lechler in den Theolog. Studien und Kritiken.


