Aufsatz 
Ueber die kulturgeschichtliche Bedeutung der älteren religiös-ethischen Dichtungen : in der deutschen Literatur / von F. Schönfeld
Entstehung
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lichen Cultus. Jemehr man aber die an heidniſche Zeit und Gebräuche anklingenden weltlichen Lieder zu beſeitigen ſuchte, umſomehr mußte man darauf bedacht ſein, der Sangesluſt des Volks in anderer Weiſe gerecht zu werden; und es geſchah dies dadurch, daß man dieſelbe für das religiöſe Leben verwerthete und daher Geſänge mit geiſtlichem Inhalt dichtete, die ſich noch in der Form ſoviel als möglich an die alten Lieder anſchloſſen, und für die man ſelbſt den Namen der Geſänge beibehielt, für deren Verdrängung ſie beſtimmt waren. Solch' einfache, ſich wiederholende Worte und Sätze, die gleichſam einen Refrain bilden, finden ſich denn auch öfters in Otfrieds Dichtung, einige ſogar in Handſchriften noch mit Singnoten verſehen. ¹)

Der Dichter kennt die fröhliche Sangesluſt ſeiner Franken und läßt auch dieſen bedeutſamen Zug des deutſchen Volks nicht außer Acht, ſondern verwerthet ihn auf die verſchiedenſte Weiſe in der epiſchen Darſtellung des evangeliſchen Berichts. In der Schilderung des Einzugs Jeſu in Jeruſalem gibt er ſelbſt ein Bild des Volksgeſangs beim Empfang des Heerkönigs in den Worten:Das gute Volk einmüthig ſang dieſes Lied der Wonne, alle mit einer Stimme, das ſtimmten mit rechtem Ernſt an die vorderen Leute, und dasſelbe erwiederte ihnen auch die nachziehende Menge. Die Erzählung des Beſuchs der Maria bei Eliſabeth ſchließt mit den Worten:Wohlan, drum laſſet ſingen uns aus einem Munde Mann für Mann: Heil dir, der Kinder theuerſtem, Heil dir, berühmteſter Prophet.

Aus dieſen und aus ähnlichen Darſtellungen läßt ſich erkennen, daß Otfried ſich das Volk bei Feſtzeiten und bei religiöſen Feierlichkeiten außerhalb der Kirche jubelnd und ſingend vorſtellt, und man kann daher auch annehmen, daß viele ſeiner Lieder im Sinne des Verfaſſers wirklich zum Geſang der Laien, zum außergottesdienſtlichen Volksgeſang beſtimmt waren, und wie ſpäter Lieder auf den heiligen Petrus, Gallus, Marienlieder, Buß⸗ und Feſtlieder Weichſom zu einer Art geiſtlicher Volkslieder geworden ſind, ſo mögen auch ſchon frühe einzelne Stücke der Otfried'ſchen Dichtung als Leiche in volksthümlichen Gebrauch gekommen ſein.

Aber abgeſehen von dem Einfluß, den das Otfried'ſche Werk auf die Geſtaltung der poetiſchen Form und einer beſonderen Art chriſtlicher Lyrik ausübte, ſo iſt vor allem auch die Bedeutung dieſes Evangelienbuchs ſowohl, wie des nieder⸗deutſchen Heliand, auf das geſammte Volksleben nicht zu unter⸗ ſchätzen, und nach dieſer Seite laſſen ſich beide Denkmale religiöſer Dichtung unter einen gemeinſamen Geſichtspunkt bringen. Hatte Ulphilas der Einführung des Chriſtenthums bei den germaniſchen Völkern durch die einfache Ueberſetzung der heiligen Schrift zunächſt den Weg bereitet, ſo wurde durch den Heliand und Otfrieds Chriſt auf dem ſicheren Weg der epiſchen Dichtung das Evangelium und die auf demſelben beruhende Kultur in das eigentliche Volksleben der Art eingeführt, daß Volksthum und Chriſtenthum ſich bald nicht mehr feindlich gegenüber ſtanden, ſondern in dem Gefühle gegenſeitigen Zuſammengehörens immer mehr eins wurden, und daß dieſe gegenſeitige Durchdringung für beide zum bleibenden Segen wurde. Denn einerſeits wurde das Volksleben in ſeinen mannichfachen naturwüchſigen Erſcheinungen durch das Chriſtenthum gereinigt und veredelt, ja geheiligt und einem idealen Ziele entgegengeführt, und andrerſeits empfing das Chriſtenthum in ſeiner Verbindung mit dem germaniſchen Volksgeiſt eine innere Kraft, ſodaß es nicht wie anderwärts zu einem bloſen religiöſen Syſtem herabſank, ſondern in Wahrheit

grade hier zu einer Religion wurde, die Leben iſt, und die das Leben wieder zur Religion macht. Große Schwierigkelte mußten aber überwunden werden, bevor dieſeEinheit des Chriſtenthums mit deutſchem Volksleben zur Thatſache wurde. Zwar war ſchon in dem ganzen Gemüths⸗ und Geiſtesleben des deutſchen Volks manchen Ideen des Chriſtenthums durch urſprüngliche religiööſe Anlage und Anſchauung eine Stätte bereitet, aber andrerſeits ſollte grade durch das Chriſtenthum ſo Vieles bei dem Volke Eingang finden, was nothwendig als etwas Fremdes, ſogar als etwas ſeinem innerſten Gefühl Widerſtrebendes aufgefaßt werden mußte. Die neue Lehre, ſagt J. Grimm in der deutſchen Mythologie, ging ja darauf

¹) Vergl. Lechler in den Theolog. Studien und Kritiken.