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Heimath, und indem er davon redet, was Noth thut zur Reiſe, nennt er darin die höchſten Lebenspflichten: „Jenes Pfades Süßigkeit erfordert reine Füße; Sitte muß ſein in dem Mann, der auf demſelben wandelt. Du ſollſt haben Güte und viele Demuth im Herzen und wahre Liebe. Thue zum Schmuck hinzu Ent⸗ behrung und ſei gehorſam dem Guten; höre nicht auf dein Herz. In deines Herzens Schrein laß der Welt Luſt nicht hinein, fliehe die Gegenwart, ſo kommt dir Gutes zur Hand.“ So hoch ihm aber auch ein Leben voll heiliger Werke ſteht, ſie gewähren dem Chriſten doch kein Heil, ſondern der Gläubige wird ſelig„allein durch die Gnade Gottes.“ ¹)
So vermittelt auch Otfrieds Dichtung für Glaubens- und Sittenlehre rein bibliſche Anſchauung, und ſein Evangelienbuch verkündet mit poetiſchem Geiſte evangeliſche Lehre über Sünde und Erlöſung, Glaube und Gnade, Leben und Seligkeit.— Ueber die poetiſche Begabung Otfrieds ſind jedoch die Urtheile ſehr getheilt. Gervinus, der überhaupt beſtreitet, daß die Klöſter Pflanzſtätten der Kunſt und ins⸗ beſondere der Poeſie geweſen ſeien, weil dieſe Kenntniß der Welt und Menſchen, ihrer freieſten, unbe⸗ ſchränkteſten Natur, ihrer Leidenſchaſten und Genüſſe erfordere, ſpricht auch der Dichtung Otfrieds den poetiſchen Werth ab;„wer uns glauben machen will“, ſagt er,„daß Otfrieds Werk wirklich poetiſchen Werth habe, oder daß in demſelben auch nur einzelne poetiſche Stellen ſind, der muß in ſeinen Anſprüchen auf Dichtkunſt zu einer Genügſamkeit gekommen ſein, die Niemand wird theilen wollen, der an dem echten Quell reiner Kunſt geſchöpft hat.“ Gemildert wird dieſes Urtheil allerdings wieder dadurch, daß der Fleiß des Gelehrten und die innere Weihe des Mönchs ausdrücklich anerkannt wird, und daß ſein Werk als ein merkwürdiges Zeugniß einer wahrhaften poetiſchen Erhebung und Begeiſterung gerühmt wird, womit die klöſterliche Gelehrſamkeit jener Zeit nicht blos das griechiſche und lateiniſche Alterthum, ſondern auch die vaterländiſche Dichtung umfaßte.— So verſchieden nun aber auch das Urtheil über den poetiſchen Werth des genannten Evangelienbuchs ſein mag, ſeine Bedeutung für die Form der Poeſie iſt allgemein anerkannt. Dasſelbe iſt nicht blos das erſte Zeugniß der Kunſtpoeſie, ſondern auch das älteſte Denkmal der Reimpoeſie, indem erſt nach dem Vorgang Otfrieds der Gebrauch des Reims und der Strophe in der deutſchen Poeſie allgemein zur Geltung kam. Otfried verließ nämlich die alte Form des Stabreims, die ohne eigentliche ſtrophiſche Gliederung hauptſächlich nur in der Hervorhebung ſtärker betonter Silben und in der Verbindung von zwei bis vier Wörtern mit gleichen Anfangsbuchſtaben beſtand, und ſchloß ſich an die Form der ſchon vorhandenen chriſtlichen Hymnen an, die ſich in Strophen gliederten von je 4 Zeilen mit vierfüßigen Jamben, deren Endreim je zwei Zeilen verband. Nach dieſem Vorbild dichtet Otfried Strophen von je vier ſich paarweiſe reimenden Zeilen, in denen an die Stelle der vier Jamben vier Hebungen treten; durch dieſe Annäherung an die Alliteration verlor der deutſche Vers das Frendartige lateiniſcher Poeſien, und es wurden nur die ſinnbedeutenden Wörter aus dem Anfang der Strophe nach dem Ende gezogen. Auf die Anwendung dieſer Reimſtrophen läßt ſich all der Formenreichthum, den die deutſche Dichtung in in der Folgezeit aus ſich entwickelt hat, zurückführen. Für jene Zeit ſelbſt wurde dieſe Aenderung der dichteriſchen Form dadurch noch beſonders wichtig, daß mit dieſem Anſchluß der deutſchen Dichtung an die lateiniſchen Hymnen die heimiſche alliterirende Form immer mehr außer Uebung und Gebrauch kam, und daß damit die heidniſchen Ueberlieferungen nationaler und religiöſer Art ihre weſentliche Stütze verloren und aus dem Volksleben im Großen und Ganzen immer mehr ſchwinden mußten.
Aber nicht blos eine neue Form wird durch Otfried in die Poeſie eingeführt, ſondern auch eine neue Art religiöſer Dichtung läßt ſich in einzelnen Theilen ſeines Werks nachweiſen: nämlich die erſten Spuren des von Späteren weiter ausgebildeten geiſtlichen Laiengeſangs, der, wie oben angedeutet, zwar das eigentliche Volkslied nicht erſetzen konnte, aber doch theilweiſe umgeſtaltend auf den weltlichen Volks⸗ geſang wirkte.— In der Kirche hatte das Volk ſeither nur in das kyrie eleison des prieſterlichen Chors mit einzuſtimmen, und es beſchränkt ſich hierauf im Weſentlichen die Betheiligung der Laien an dem kirch⸗
¹) Lechler in den Theol. Studien und Kritiken.


