12
alles Perſönliche dem hohen Gegenſtand vollſtändig unterordnet, tritt Otfried mit ſeinen Betrachtungen und Empfindungen in den Vordergrund, ſodaß er in Folge der Menge von lehrhaften Einſchaltungen den Faden der evangeliſchen Erzählung faſt aus dem Auge verliert. Dort ſingt und ſagt ein Edler aus dem Volk das herrlichſte Lied vom Heil des großen Friedefürſten, hier unterweiſt ein frommer Mönch in chriſt⸗ licher Lehre und chriſtlicher Wiſſenſchaft.
Und doch erkennen wir in dem Mönch Otfried auch wieder den echten deutſchen Mann, der kühn genug iſt, den klaſſiſchen Dichtern, deren formvollendete Dichtungen er genau kennt und die er ſich in dieſer Beziehung zum Vorbild nimmt, ein Werk in deutſcher Sprache und getragen von chriſtlichem Geiſte entgegenzuſetzen. Um aber dieſem ſeinem Werke um ſo ſicherer bei ſeinem Volke Eingang zu verſchaffen, ſpricht er nicht blos deſſen Sprache, ſondern auch Perſonen, Gegenden und Sachen kleidet er, wie es im Heliand geſchieht, ſo viel als möglich in das Gewand ſeiner Heimath und ſeiner Zeit. Johannes predigt und tauft in der„Einſamkeit öder Wüſtenei“, und die ganze übrige Schilderung verſetzt in eine Wald⸗ einſamkeit, wie ſie in jener Zeit innerhalb deutſcher Gaue noch häufig vorkam. Bethlehem, Nazareth, Jeruſalem und die übrigen Orte, wo die Thaten des Herrn geſchehen, ſind„Burgen, Kaſtelle und Ge⸗ höfte, bewohnt von Burgleuten, Mannen und Edlen.“ Die Jungfrau Maria iſt eine„Edelfrau“, deren Ahnen ſämmtlich Könige ſind;„ſie ſitzt in der Halle ihres Palaſtes, den Pſalter ſingend, auch wirkt ſie äußerſt feines Tücherwerk aus Garn von übergroßem Werth; die Lieblingsarbeit war es ihr.“ Die jüdiſchen Prieſter heißen Biſchöfe, Pilatus erſcheint als„Herzog, alſo als ein mit ſeiner Gewalt belehnter Landes— herr.“ Chriſtus dagegen iſt„der ewige Kaiſer und Volkskönig, ſtreitbar und mild, furchtlos und treu.“ Das jüngſte Gericht iſt der weltumfaſſende Volkstag, dabei der himmliſche König in herrlicher Pracht auf hohem Königsſtuhle ſitzt,„da die ganze Welt ihn ſieht,“ ſeine Getreuen,„die er im Leben hier erzog,“ ſind vor ihm, und in großer Volksverſammlung erſcheinen alle Menſchen, gute und böſe,„um darzulegen all ihr Thun;“ er ſcheidet ſie von einander,„wie der Herr beſtimmt, ſo reihet ſich die Menge unverweilt“, und die zu ſeiner Rechten ſchaut der König gnädigen Blickes an und„grüßt ſeine lieben Getreuen mit Worten voll großer Minne.“ Seinen hohen Herrſcherberuf beweiſt er, gemäß deutſcher Sitte, durch hohe Geburt aus den erſten Geſchlechtern der Nation, vor allem aber durch die inneren Eigenſchaften eines edlen Volkskönigs, durch„Güte und Milde, durch Freigebigkeit und Freundlichkeit.“ Alle Segnungen und Wohlthaten, die von ihm ausgehen, werden als„milde Gaben und Lehen“ aufgefaßt, die er an ſeine Ge⸗ treuen vertheilt, ſelbſt ſeine Reden ſind„Spenden aus reichem königlichem Schatze“, und ſeine Heilungen der Kranken erſcheinen als„ein Belehnen mit Leben, Geſundheit und frohem Muth.“ Am herrlichſten offenbaren ſich dieſe königlichen Tugenden bei ſeinem Tode, der von dem Dichter nicht als priieſteliche, ſondern vielmehr als königliche That aufgefaßt wird; es iſt der„Heldentod des Königs für ſein Volk.“
Während Chriſtus demnach in feudaler Auffaſſung als Landesherr erſcheint, ſind die Menſchen ſeine Reichsangehörigen, ſeine Landſaſſen, ſein Eigenthum und Erbe, und in der ganzen Volksgemeinde ſind die Chriſten diejenigen, die mit freiem Willen ihm,„ihrem lieben Herrn und König, mit Dienſt und Treue zugethan ſind.“ Aus der Welt der Menge wählt er ſeine Jünger, ſeine Begleiter, die ihm Treue beweiſen, beſonders aus, ſie ſind ſeine Vertrauteſten,„denen er ſeinen Rath ganz kund thut“, und bei denen ein Verlaſſen des Herrn oder gar Treuloſigkeit undenkbar iſt. Dem milden, gnädigen Herrn, der, reich an allem Gut, vollen Segen ſpendet in Wort und That, der auch Kampf und Tod nicht mied, um Alles zu vollenden, tragen die Seinen in dankbarer Geſinnung Anhänglichkeit und unverbrüchlichen Gehorſam entgegen und weihen ſich in männlicher Freiheit dem Dienſte ihres oberſten Königs und Herrn. Nicht blos das Verhältniß der Chriſten zu ihrem Herrn zeichnet der Dichter in erhabenen ethiſchen Zügen, ſondern auch das Leben der Menſchen unter einander will er veredeln und heiligen. Nicht mönchiſche Askeſe iſt ihm das Höchſte, ſondern wie gegen Gott— Demuth und Glaube, ſo gegen den Menſchen— Liebe und Güte in Geſinnung und That. Die Rückkehr der Weiſen in ihre Heimath wird dem Dichter zu einem Vorbild für die Wanderung der Menſchen durchs Leben, für die Reiſe des Chriſten zur ewigen


